Magazin CHEXX am Mittwoch, den 01. April 2020
Der langwierige Lückenschluss der Berliner U-Bahn
Die Berliner Öffentlichkeit ist mittlerweile bei der Verzögerung von Bauprojekten schon einiges gewöhnt. Da denken alle sicherlich zuerst an den Evergreen Flughafen Berlin Schönefeld - siehe "Desaster BER wer trägt die Verantwortung?". Der Bau startete mit dem ersten Spatenstich im September 2006 und die Eröffnung soll nun in diesem Jahr, am 31. Oktober 2020, stattfinden. Aber es gibt noch eine andere Baustelle, die nicht jottwede (janz weet draußen) in Schönefeld im Süden der Hauptstadt liegt, sondern sich in Berlins guter Stube befindet, ganz prominent zwischen Brandenburger Tor und Rotem Rathaus. Auf dem Pariser Platz gegenüber dem Hotel Adlon feierte die BVG am 14. Februar 2005 den symbolischen ersten Spatenstich für die neue U 55. Es wurden die Bauarbeiten für den neuen U-Bahnhof "Brandenburger Tor" in Angriff genommen. Von hier sollte erstmals zur Fußballweltmeisterschaft im Jahr 2006 ein U-Bahn-Shuttle den Betrieb aufnehmen auf dem knapp zwei Kilometer langen Abschnitt zum Lehrter Bahnhof (heute Hauptbahnhof), mit Zwischenstopp am Reichstag. Vor 15 Jahren galt der Baubeginn für den BVG-Betriebsvorstand als eine ganz wichtige Weichenstellung, um die U-Bahnlinie möglichst schon ab dem Jahr 2007 in Richtung Alexanderplatz bis zum Roten Rathaus weiter zu führen. Mit diesem Lückenschluss hätten schon damals die U-Bahnen von Hönow bis zum Hauptbahnhof durchfahren können. Damaliger Bauherr: die BVG, das ausführende Unternehmen Hochtief. Übrigens wurde im Februar 2005 am Pariser Platz auch ein Infopoint der BVG für die Berliner und die Touristen eingerichtet. Knapp 15 Jahre später gibt es seit Juli 2019 wieder einen Infopoint. Er ist vom Brandenburger Tor direkt vor das Rote Rathaus in eine Zwischenebene unter der Erde vorgerückt und nennt sich U5 InfoStation. Eine Gruppe Reisejournalisten von CTOUR hat sich im Februar 2020 vor Ort mit der Kommunikationschefin Dr. Stephanie Niehoff verabredet. Sie gehört zur BVG-Projekt GmbH, einer Ausgründung der BVG, die seit 2014 das Projekt dieses U-Bahn-Baus führt. Hier ist eine Multimediafläche mit Film, Fotos und Ausstellungsstücken zu besichtigen. Eine weitere Treppe in die Tiefe führt hinunter zur Bahnsteigs-Ebene des künftigen Bahnhofs Rotes Rathaus.

Die Besucher erfahren, dass es schon in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts ganz konkrete Pläne gegeben hat, eine Ost-West-U-Bahn-Linie zu bauen, also eine Linie, die aus dem Ostteil der Stadt ins Zentrum führt. Die Planungen verschwanden nach dem zweiten Weltkrieg mit der Teilung der Stadt in der Schublade. Aber bereits Anfang der 90er Jahre wurde beschlossen, die U5, die heute Hönow mit dem Alex verbindet, bis zum Lehrter Bahnhof (Hauptbahnhof) zu verlängern. Angesichts dieser zeitlichen Dimensionen ist es schon irritierend, wenn die derzeitigen Projektverantwortlichen davon schwadronieren, dass der Lückenschluss der U5 im Zeitplan liegt. Im Dezember 2020, so die Zielvorgabe, soll nun der Lückenschluss mit den drei neuen Stationen Rotes Rathaus, Museumsinsel und Unter den Linden in Betrieb genommen werden. Das zwei Kilometer lange Tunnelstück soll insgesamt 525 Millionen Euro kosten. Die BVG rechnet mit rund 150.000 Fahrgästen pro Tag. Allerdings wird der U-Bahnhof Museumsinsel erst ein halbes Jahr später ans Netz gehen und vorerst "Durchfahr-Bahnhof" bleiben.

Der Besuch der U5 Info-Station lohnt vor allem, weil er die heutige Ingenieurskunst zeigt, die erforderlich war, um dieses Projekt endlich zu vollenden. "Hätte man die Aufgabe gehabt, in Berlin-Mitte den technisch herausfordernsten Ort für einen U-Bahnhof zu finden, hätte man diesen Ort an der Museumsinsel gewählt", so das sarkastische Urteil der Techniker. Zwei Ebenen tief unter der U5 Info-Station befindet sich eine Aufstell- und Kehranlage. Diese Tunnel sind nicht nur für den U-Betrieb nötig, sondern bieten zugleich eine Option, um die U-Bahn-Linie nach Weißensee weiter zu führen, so wird diskutiert. Aber eben nur diskutiert vom Berliner Senat, der sich mit seiner Verkehrssenatorin Günther eher darin gefällt, populistische Sprüche zu verbreiten. Der eigentliche Skandal besteht wohl darin, dass nach der Fertigstellung vom Lückenschluss derzeit kein einziges U-Bahnprojekt (!) in der Hauptstadt Berlin neu gestartet oder weiter geführt wird, ob in Kreuzberg oder Weißensee oder Pankow. Wenn die Senats-Politik die Autos aus der Innenstadt verbannen möchte - und dafür gibt es große Mehrheiten bei Berlinern wie Besuchern der Stadt - dann muss man zuallererst für neue U-Bahn-Linien, für mehr und moderne U- und S-Bahnwagen, für mehr Fahrpersonal und größere Sicherheit auf den Bahnhöfen sorgen. An ihren Taten sollt ihr sie erkennen.