ISSN 2701-6757 | Magazin CHEXX am Dienstag, den 13. April 2021
Wie schütze ich mich vor Manipulation?
"Ich lasse mich doch nicht mehr verkohlen!" - dieser Satz ist zunehmend im Lande zu hören. Der politisch interessierte Mensch stört sich zunehmend an Propaganda und Meinungsmache und spürt immer deutlicher, dass die öffentliche Meinung manipuliert wird. Aber wie kann er ein zutreffendes und komplettes Bild von der Wirklichkeit erhalten, die scheinbar immer komplexer und undurchsichtiger wird? Da ist guter Rat gefragt. Einer der empfehlenswerten Ratgeber ist das Buch "Glaube wenig, Hinterfrage alles, Denke selbst - Wie man Manipulationen durchschaut " aus dem Westend Verlag.

Der Autor ist Albrecht Müller, ein Grandseigneur der deutschen Politik, der unter den Kanzlern Brandt und Schmidt im Kanzleramt tätig war und acht Jahre für die SPD (1987 - 1994) im Bundestag saß. Seit 2003 ist er Autor und Herausgeber der Website nachdenkseiten.de, die täglich mit neuen Texten erscheint, mittlerweile eine Institution in den sozialen Netzen. Albrecht Müller bekennt auch freimütig: die Leserinnen und Leser der Nachdenkseiten haben zu dem Buch "ungemein viel beigetragen", ihre Mails seien eine Fundgrube für Anregungen zu dem Buch.

Der ungemeine Vorzug dieses Ratgebers in Sachen "Verarschung der Leute" besteht darin, dass der Autor dem Leser keine Lektionen mit erhobenem Zeigefinger erteilt, sondern den Freiraum lässt, den er mit seinem Buchtitel formuliert hat. So liefert er zu Beginn das gesellschaftliche Umfeld, in dem wir uns alle befinden, um "die Freiheit unserer Gedanken zu erkämpfen und zu erhalten." (Seite 12) Und er kommt zu dem Schluss, dass die Realität der Manipulation unsere lebendige Demokratie überlagert und verweist auf Strukturen von Einfluss-Agentinnen und -Agenten, die durch die Regierung, Internationale Organisationen (Stiftung Gates u. a.) sowie Wirtschaftsstrukturen etabliert wurden. Und so lautet auch ein erstes Credo seines Buches: "Wir sind umzingelt von Kampagnen und müssen feststellen, dass die totale Manipulation möglich ist." (Seite 19)

Aber Autor Albrecht Müller ist keiner, der in Pessimismus verfällt, sondern in den folgenden zwei Kapiteln zeigt, wie diese Gefahr zu erkennen und ihr zu begegnen ist. Zunächst listet er Methoden der Manipulation auf, die den allermeisten Konsumenten kaum bekannt sind und beschreibt sie anhand von Beispielen. Da wird manchem Leser vielleicht schon ein Dejavu-Erlebnis beschert. Es geht um innenpolitische wie auch außenpolitische Sprachregelungen, die alle suggerieren: Wir sind die Guten, die Demokraten, die Bewahrer der Menschenrechte der westlichen Wertegemeinschaft, demgegenüber wird davon abweichendes mit negativen bis hin zu diffamierenden Begriffen versehen, wie Populist, Autokrat, Unrechtsstaat.

Regierungen, die nicht ins politische Konzept passen, werden per se "Regime" oder "Diktaturen" genannt, der syrische Präsident Assad angeblich ein Schlächter. Aber wie sollen da, so fragt der Autor, Hillary Clinton in ihrer Rolle der Zerstörung staatlicher Strukturen in Libyen genannt werden oder Barack Obama, der für den weltweiten Drohneneinsatz, gesteuert von Rammstein, mit tausenden unschuldigen Opfern verantwortlich ist?

Insgesamt werden 17 Methoden der Manipulation aufgelistet wie das ständige Wiederholen, das Verschweigen von Zusammenhängen (Geheimarmee Gladio), Geschichten werden nur verkürzt erzählt oder maßlos übertrieben dargeboten, nach dem Motto: Irgendetwas wird schon hängen bleiben. Die Methoden, die Albrecht Müller im Buch aufführt, sind vielfältig. Gesprächsrunden von Journalisten und Politikern werden so zusammengestellt, dass die Eingeladenen im Prinzip der gleichen Meinung sind - und die muss ja dann richtig sein. Es werden Umfragen genutzt, um Meinung zu machen. Es werden im In- und Ausland NGOs zum Zwecke der Propaganda gegründet und finanziell fürstlich ausgestattet, wie erläutert am Beispiel der fünf Milliarden US-Dollar im Vorfeld der Maidan-Ereignisse in der Ukraine.

In einem weiteren Hauptkapitel des Buches werden schließlich mehr als ein Dutzend Fälle von Meinungsmache und ihrer zugrundeliegenden Strategien konkret und detailgetreu präsentiert. Das beginnt mit der Umdeutung und Umbenennung der Finanzkrise zur Staatsschuldenkrise, führt weiter zur Vorbereitung und Begleitung der Agenda 2010 und reicht bis zur so genannten Sozialdemokratisierung der Union ("Meisterstück der Irreführung") und der Diffamierung der Pleite-Griechen. Selbstverständlich ist das Buch über die Meinungsmacher auch eine exzellente Gelegenheit, gemeinsam mit dem Autor einen spannenden Gang durch die jüngere deutsche Geschichte zu unternehmen. Wie verwandelte sich in den Jahren 1989/90 in der DDR die Demonstrations-Losung "Wir sind das Volk!" in die politische Parole "Wir sind ein Volk!" Oder der Meilenstein des Jahres 2015, wo die Notlage von hunderttausenden Flüchtlingen für Kanzlerin Merkel eine gute Gelegenheit zur Imagekorrektur bot. "Albrecht Müller hält die offenen Arme (der Kanzlerin) für einen strategisch ausgedachten PR-Gag" (Seite 129).

Es gibt wohl kaum jemanden in der Politikszene von Deutschland, der so viel Wissen und Erfahrung mitbringt und sich deshalb auch nicht durch solche sich selbst entlarvenden Vorwürfe wie "Querfront" oder "Verschwörungstheoretiker" von seiner politischen Linie und Überzeugung abbringen lässt. Das gilt im Besonderen für das Thema: Nie wieder Krieg. Keine neue Militarisierung und keine Feindbilder von Russland. Albrecht Müller war zum Ende des 2. Weltkrieges sieben Jahre alt und hat die Verwüstungen des Krieges durchleben müssen. Er gehörte in den 70iger Jahren an der Seite von Willy Brandt und Egon Bahr zu den erfolgreichen Streitern für eine neue Ost- und Entspannungspolitikpolitik und er erlebte die großen Hoffnungen einer gemeinsamen Sicherheit in einem gemeinsamen Europa im Jahr 1990. Seitdem hat sich Schritt für Schritt bis in die Gegenwart über Deutschland wieder wie Mehltau die Propaganda des kalten Krieges und Meinungsmache speziell gegen Russland ausgebreitet. Besonders zu diesem Thema sind die Argumente und Beispiele von Müller überzeugend und eindringlich. Da übt der Autor auch und gerade an den Sozialdemokraten in der Bundesregierung schärfste Kritik. Und so lautet ein nicht so optimistisches Resümee seines Buches: "Es befallen uns Zweifel an der Vernunft vieler Entscheidungen". Optimistischer stimmt dagegen, dass dieses Buch von Albrecht Müller zur Manipulation, erst im Oktober 2019 erschienen, bereits in der 10. Auflage gedruckt, und sich auf Platz 6 der Bestsellerliste vom Spiegel Sachbuch Paperback platziert hat. Es hat völlig zu Recht viele Leser gefunden und es werden noch mehr werden.

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