ISSN 2701-6757 | Magazin CHEXX am Dienstag, den 13. April 2021
Wie sich Zeitungen verlieren
Mit dem Ansehen der Journalisten ist es seit einiger Zeit nicht zum besten bestellt. In einer Umfrage, veröffentlicht in der faz.net im letzten Jahr, sinkt das Ansehen der Journalisten weiter, aber es steht immerhin bislang in der Image-Rangliste höher als die noch unbeliebteren Politiker. Immer mehr ihrer Leser, Zuhörer und Zuschauer kritisieren den Mangel an Wahrhaftigkeit in den Medien, fühlen sich vermehrt unzureichend informiert und vermissen zunehmend eine authentische Berichterstattung. Jetzt tritt der hoch anerkannte Journalist Birk Meinhardt der schreibenden Zunft in die Öffentlichkeit, der mit seinem Text all das so dringlichst Vermisste vielversprechend liefert: Er schreibt wahrhaft und ehrlich, informierend und authentisch. Aber eben nicht mehr in der Zeitung, sondern in einem kleinen Büchlein mit dem Titel "Wie ich meine Zeitung verlor" aus dem Verlag Das Neue Berlin der Eulenspiegel-Verlagsgruppe.

Der Paperback-Einband ist ganz im unschuldigen weiß gehalten. aber die Buchdeckel könnten auch dunkelrot daher kommen: Denn hier wird nicht nur einer Zeitung, sondern dem viel zu oft praktizierten Journalismus in den Leitmedien die rote Karte gezeigt. Wieso hat der Autor seine Zeitung verloren? Was gibt es für Gründe? Wieso empfindet er in seiner anfangs hoch verehrten Zeitung trotz mancher anderer durchaus toller Texte einige ihrer Seiten heutzutage abstoßend und widerlich (Thema Belagerung Leningrad S. 136 ff.)? Meinhardt liefert spannende Antworten.

Ohne dass der Name der Zeitung in dem kleinen Büchlein auch nur einmal auftaucht, ist jedem, der es wissen will, bekannt, um welche Zeitung es sich handelt. Es ist die Süddeutsche Zeitung, ein Flaggschiff des Journalismus in Deutschland. Und der Autor ist nicht irgendein Redakteur mit wenig Können und kaum Lebenserfahrung nebst Verantwortung, der sich wichtig machen will. Ganz im Gegenteil. Birk Meinhardt ist ein Schwergewicht unter den Journalisten mit hohem Image. Fast 20 Jahre arbeitete er in dieser Zeitung, zunächst beim Sport, dann seinem großen Talent für Reportagen entsprechend, für die legendäre Seite 3. Er gewinnt gleich zwei Mal die höchste Auszeichnung für Journalisten, den Egon-Erwin-Kisch-Preis im Jahr 1999 und 2001. Das Buch mit dem Untertitel "Ein Jahrbuch"erzählt auch über die Stationen eines Journalisten aus der früheren DDR. Anfangs wurde ihm sogar von einem freien Mitarbeiter in München vorgeworfen, dass er nur mit seinem Ostbonus die attraktive Stelle des Redakteurs in der Zeitung erhalten habe und er weiß nicht, ob an dem Vorwurf etwas dran ist (S. 8). Der Autor spart auch nicht mit Begeisterung, wenn er anfangs seinen Spielraum als recherchierender Journalist bemisst und mit den ganz realen Einschränkungen in DDR-Zeiten vergleicht. Sogar nach der Kündigung von Anzeigen eines Immobilienmannes in seiner Zeitung, über den er ein Porträt machte, bei dem der Porträtierte "nicht allzu gut weg kam", da stand der damalige Chefredakteur zu seinem investigativen Journalisten.

Aber die Chefredakteure wechseln und die Zeiten ändern sich. Ich kann mich nicht erinnern, im Rückblick auf die Berufsjahre eines Journalisten jemals längere komplette Reportage-Beiträge gelesen zu haben, deren Druck durch die Chefredaktion einer Zeitung abgelehnt worden sind. Am Anfang des Buches steht übrigens der Dank an die Chefredaktion, die Rechte einer Erstveröffentlichung dem Autor zu übertragen. So kann der Leser heute erfahren, was er zu diesen Themen vor Jahren nicht anschauen und beurteilen sollte. Ein recht einmaliges Geschehen, was den allermeisten verbotenen und unveröffentlichten Texten und ihren Lesern auch anderswo nicht vergönnt ist.

Was sind das für Texte? Eine Reportage aus dem Jahr 2004 richtet einen tiefen und scharfen Blick auf die Geschäfte der Deutschen Bank. Allein einige Stichworte genügen, um den Zündstoff des Textes anzuzeigen: 99 Prozent der Geschäfte beruhen auf Spekulationen, Skandal-Boni, Banker erinnern an sozialistische Parteiführer, Umgang mit dem Mittelstand, der ermordete Banker Herrhausen mit seiner Absicht, die Dritte Welt zu entschulden. (S. 30 ff.) Noch mehr Charme verbreiten dann Auszüge des Mail-Verkehrs mit dem Ressort-Chef Wirtschaft und stellvertretenden Chefredakteuren, die den Beitrag ablehnen oder essenzielle Veränderungen erwarten.

Eine andere Reportage aus dem Jahr 2010 wendet sich dem heiklen Thema von rechter Gewalt zu anhand von einem konkreten Gerichtsfall. Darf es einen Justizirrtum gegen einen Täter mit rechter Ideologie geben und darf man darüber schreiben? Meinhardt: "Das finstere an der ganzen Geschichte: Wie Differenzierung noch heute abqualifiziert wird als Verharmlosung..." (S. 61) Es werden im Kampf um ein Stück Wahrheit von seinen Chefs geforderte Veränderungen vom Autor vorgenommen. Aber da in der Reportage - zugegeben ein heikler Text - auch einige Prominente wie Günter Jauch (damals Moderation stern TV) eine Rolle spielen, bleibt sie schlussendlich unveröffentlicht. Nun hat der Käufer des Buches das Privileg, sie zu lesen. (S. 52 ff.) Meinhardt kennt die Argumente seiner neuen Chefs zur Genüge, zwei Jahrzehnte waren sie hinter mir, erinnert er sich. "Die Rechten, so heißt es, könnten meine Geschichte für ihre Zwecke nutzen. Das ist ... das Argument, dass ich in meinem ersten Leben als Journalist in der DDR, oft, zu oft, gehört habe. Deine Kritik hier, so hieß es, mag ja berechtigt sein, aber sie könnte dem Klassenfeind zupass kommen, also lassen wir das bleiben." (S. 69) Früher habe der Autor, wie er freimütig bekennt, hinein- und umgeschrieben, zu oft mit schlechtem Gefühl, gegen die eigene Überzeugung. Und dann prägt Meinhardt einen Satz, der von seinem Erfahrungsvorsprung gegenüber "Westkollegen"aus der DDR-Medienwelt geprägt ist: "Die Realität, wenn sie denn eine harte ist, muss geschildert werden, und diese Schilderung soll nicht weichgespült und schon halb zurückgezogen werden durch allseits opportune Relativierungen". (S. 70)

Als sich der Journalist von seiner Redaktion zurück zieht, sich schriftstellerisch versucht und einige Jahre an Büchern schreibt, "Schriftsteller bin ich, Schriftsteller" bleibt sein Blick auf seine Zeitung kritisch. Besonders wenn seine Zeitung, "die doch nicht ND heißt" einseitig nur in eine Richtung gebürstet erscheint beispielsweise beim Thema Migration und dann die Realität ausgesperrt wird. "Kurzum möchte ich einmal eine Geschichte über Helfer lesen, die desillusioniert sind vom Verhalten der von ihnen betreuten Einwanderer." (S. 89)

Im Jahr 2017 fragt Meinhardt bei seiner Zeitung an, ob er, angesichts vieler spannender Geschichten, sie wieder in Reportagen im Blatt erzählen darf. Die Chefs freuen sich und man möge Themen mit ihm absprechen. Ein Neustart für den Journalisten, der vor sieben Jahren gekündigt hat. Die erste Geschichte ist Rammstein, die US-amerikanische Militärbasis nahe dem Städtchen Kaiserslautern in Rheinland-Pfalz, von dem ein Drohnenkrieg geführt wird. Bei Meinhardt greifen die alten Recherchemechanismen. Er schreibt, was er schreiben muss, hat keine Schere im Kopf und ist sich fast sicher, dass dieser Text nicht in der Zeitung stehen wird. Und er hat mit seiner Ahnung recht. Er will die Reportage mit Hinweisen des Chef und Änderungen retten. Wieder spannnender Mail-Verkehr mit Ministerien. Alles vergebliche Liebesmüh. Der Rammstein-Beitrag wird nicht veröffentlicht, aber im Büchlein ist er nun zu lesen und alles drum herum auch. (S. 97 ff.)

Schließlich wird von einem stellvertretender Chefredakteur Meinhardt erklärt, er möge alles bleiben lassen, keine neuen Themen vorschlagen, er dürfe nicht mehr für die Zeitung arbeiten, aus juristischen Gründen. Er ist wieder draußen, hat nichts veröffentlicht, sein Name ist nicht mehr aufgetaucht in der Zeitung. Aber jetzt in diesem Büchlein. Auf den letzten Seiten schaut Meinhardt, nunmehr ausschließlich als Leser seiner Zeitung noch scharf analytisch auf Reizthemen wie die Nachwirkungen des Kosovo-Krieges der NATO, die tödliche Messerattacke in Chemnitz, das Simulieren der Demokratie im Bundestag als eine Art Volkskammer. Den Leser erwarten erhellende Ansichten.

Besonders eindrucksvoll ist Birk Meinhardt, wenn er auf die Vermutung eingeht, dass das einheitliche Erscheinungsbild der Massenmedien nur zustande komme durch Anleitung von denen da oben. Das sei nur naive Verschwörungstheorie, so der Autor. "Alles war und ist letztlich freiwillig" und darum, "es ist schlimmer". Wie Meinhardt auf zwei Textseiten sehr ausführlich das Funktionieren der Selbstzensur bei der Mehrheit seiner Kollegen beschreibt - schon dafür würde sich der Kauf des Buches lohnen.

Übrigens scheint Birk Meinhardts Buchverlag von der Resonanz überrascht. Es wurde bereits in wenigen Monaten nach Erscheinen die 3. Auflage gedruckt. Mich überrascht die große Nachfrage nicht.

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