A+ A A-

. veröffentlicht unter Interviews
Udo Lindenberg
Udo Lindenberg über Frauen, die neue CD und seine Freundschaft zu Helge Schneider. Am 17. Mai wird Udo Lindenberg 50. Zum Lesen braucht der Panik-Rocker inzwischen eine Brille - doch die Panik-Automatik in ihm ist immer noch eingebaut. Rechtzeitig zum Jubiläum veröffentlicht die Nachtigall aus Billerbeck ihr neues Album und geht mit "und ewig rauscht die Linde" auf Tournee. Wir trafen Udo Lindenberg an der Bar des Hamburger Nobelhotels "Atlantic", dem Dauerwohnsitz des rastlosen Rockers.

 

COCKTA!L Ihre neue Platte "und ewig rauscht die Linde" klingt betont rockig!

 

Udo Lindenberg "Kosmos", die letzte Platte, war mehr die Reise nach innen - jetzt gibt es wieder richtig Randale. Mit diesen Songs können wir sehr gut auf Tour gehen. Ich bin ja Wanderer und wollte endlich mal wieder 'ne ordentliche Actionplatte machen.

 

COCKTA!L Auf "Es bedeutet mir nichts mehr" spielt ....

 

Udo Lindenberg ...mein Freund Helge Schneider Saxophon. Er hat vor vier Wochen hier im Hotel gewohnt, direkt neben mir. Nachts waren wir immer an der Bar. Vorher kannte ich Helge nur flüchtig. Erst jetzt haben wir uns ziemlich genau kennengelernt. Wir telefonieren übrigens circa einmal pro Woche, um Gedanken austauschen. Ich schätze Helge sehr und finde seinen Dadaismus genial. Während der Aufnahmen zur neuen CD war Helge bei uns im Studio und hat seine alte Kanne mitgebracht. Als Dank habe ich ihm ein Bild gekritzelt.

 

COCKTA!L Bei all Ihren großen Verdiensten um die deutsche Musik - schmerzt es, oftmals comicartig auf den Berufsjugendlichen mit Hut reduziert zu werden?

 

Udo Lindenberg Nein. Es gibt ja ein ganzes Spektrum von Reflexionen auf meine mysteriöse Erscheinung. Das ist dieser Trade Mark Look. Manche Leute finden es eben witzig, humoristisch mit der Kunstfigur Udo Lindenberg umzugehen. Ich fühle mich da nicht missverstanden. Jeder, der weiß, was Sache ist, wird erkennen, dass dies nur eine Facette aus dem großen Lindi-Angebot ist. Ich existiere ja als Sänger, Maler, Politmensch und als jemand, der sich in gesellschaftliche Prozesse einmischt. Die meisten wissen das. Andere, die bekloppt sind, wissen es eben nicht so. Entweder, das kommt dann noch, oder sie haben halt schlechte Karten für ihr Leben.

 

COCKTA!L Hat nicht sogar die große Masse Ihre große Geschichte vergessen?

 

Udo Lindenberg Daß ich seit 25 Jahren dabei bin und ich schon alles mögliche gemacht habe, zum Beispiel Rock gegen Rechts oder die ganze Honey-Arie, das weiß jeder. Und auch, dass ich die deutsche Sprache - neben Rio Reiser und Ihre Kinder - richtig populär gemacht und groß auf die Bühne gebracht habe. Ein bisschen Kulturgeschichte werden die Menschen doch wohl draufhaben. Und zum Rest kann ich nur sagen: Bildungsnotstand gibt's immer mal, in jeder Ecke - weltweit.

 

COCKTA!L In Ihren frühen Texten kokettieren Sie mit dem jugendlichen Udo Lindenberg, übersät mit Pickeln und ganz schön verkrampft, was Frauen angeht. War Ihr steiler Aufstieg auch die Folge eines Minderwertigkeitskomplexes?

 

Udo Lindenberg In Gronau, wo ich aufgewachsen bin, herrschten beengte Verhältnisse, alles ein bißchen sehr bescheiden. 50er Jahre - zwar nicht die blanke Armut, aber jeder hatte nur 50 Pfennig in der Tasche, und wir Kinder kriegten Biersuppe zu löffeln. Die Zeiten waren schon ein bisschen mager. Ich habe früh gelernt, Bescheidenheit zu hassen und mir gedacht, dass ich nach den Gesetzen der Unbescheidenheit leben will. Und vielleicht auch mal Narzissmus und einen Größenknall entwickeln. Aber immer in Verbindung mit Charmanz. Das ist sehr wichtig, denn sonst finde ich Größenknall unangenehm. Wenn die Ratte aus dem Gully rausklettert und sagt, wir brauchen jetzt die richtigen Radikalmassnahmen, dann werde ich die auch immer zur Anwendung bringen. Ich will übrigens diesen Größenknall auch propagieren. Diese ganz bescheidenen Menschen, die immer behaupten, dies und jenes geht nicht und bei jedem Spektakel sagen, der spinnt und den kann man doch nicht ernstnehmen, sind furchtbar. Die diffamieren Mitmenschen als Bekloppte.

 

COCKTA!L So wie in Gronau, wo Sie aufgewachsen sind?

 

Udo Lindenberg Ja, so hat man es mit mir in Gronau auch gemacht. Nur, weil ich gesagt habe, dass ich wahrscheinlich irgendwann der weltberühmteste Trommler werde. Da haben sie gleich gesagt, ich bräuchte wohl 'nen Überweisungsschein für die Klapse. Ich finde, man sollte zur Unbescheidenheit auffordern. Wer bescheiden bleibt, ändert doch nichts.

 

COCKTA!L Wie ist denn Ihre unbescheidene Vision für die nächsten fünf Jahre?

 

Udo Lindenberg Ich glaube, dass es jetzt vor allem live riesig abrauscht. Wir werden alle möglichen Kongreßhallen in Tempel verwandeln, in Stätten des geheiligten Wortes, der geweihten Musik und der überirdischen Maßnahmen. Und dann die Malerei: Es würde mich nicht wundern, wenn das auch noch ganz gigantisch abgeht. Ich habe da nämlich so ein Jucken in der Nase.

 

COCKTA!L Die Zeit der "knallvollen Randalesäle" war ja zuletzt etwas vorbei. Trauern Sie der guten alten Zeit hinterher?

 

Udo Lindenberg Ach, gute alte Zeit. Es gab ja auch schreckliche Zeiten. Gerade Tourneen waren manchmal der absolute Horror. Wenn Du privaten Ärger hast und trotzdem jeden Tag auf die Bühne musst, volle Action und gute Laune machen. Das ist streckenweise auch mal schwierig. Außerdem waren die Tourneen auch zu lang, weil die Agenten gesagt haben, komm Udo, wir machen jetzt erst mal 60 Konzerte. Da wird vieles Reproduktion. Manchmal waren wir auch zu breit, sind auf der Bühne hin geknallt und liegengeblieben. Aber es waren auch grandiose Zeiten dabei. Es geht immer weiter. Ich war ja sowieso schon mit zwölf auf der Bühne. Mal kleiner, mal größer. So was ändert sich. Das ist genau wie mit den Platten. Der lindische Ozean - mal mehr Flut und mal mehr Ebbe. Gerade ist übrigens steigende Flut.

 

COCKTA!L Nachdem Sie sich beim ersten Sex mit einer Prostituierten in Tripolis beinahe das Knie verstaucht hätten, folgte eine erstaunliche Karriere in Bezug auf Frauen. Bei der Vielzahl von Mädchen - haben Sie es wirklich immer gutgemeint?

 

Udo Lindenberg Ich habe es immer gutgemeint, aber ich bin wohl nicht bindungstauglich. Das ist mit mir ein bisschen schwierig. So viele Menschen um mich herum, das Leben im Hotel, zu viel Partytime. Manche Frauen können da nicht so richtig mithalten. Leider, leider. Aber ich habe es wirklich gutgemeint. Ich wollte ja auch dann und wann eine Bindung.

 

COCKTA!L Wieso hat es dann nicht wirklich geklappt?

 

Udo Lindenberg Bei mir wird alles - und auch eine Beziehung - meiner Kunst untergeordnet. Wenn man in diesem Nerven zerfetzenden Beruf tätig ist, darf man sich nicht auf Beziehungsarien einlassen, die einen schwächen. Ich bin einfach kein häuslicher Typ. Ich bin sehr gesellig und sehr viel unterwegs. Außerdem bin ich für Hausarbeiten absolut ungeeignet. Ich könnte zum Beispiel niemals den Müll runter tragen. Deshalb wohne ich gerne im Hotel. Auch das liegt nicht jeder Partnerin, so mit dem schnellen Koffer. Schließlich habe ich auch viele Treffen mit Sympathisantinnen, literarische Kolloquien und so...

 

COCKTA!L Nach Beziehungen mit Ulla Meinecke und Nena musste also auch die mit Katja O. Kay scheitern?

 

Udo Lindenberg Ja, ist auch zu Ende, so seit zwei Monaten.

 

COCKTA!L Eine Ex-Freundin hat ja mal ein Buch über die Beziehung mit Ihnen geschrieben: "Dass etwas dran ist, an ihm, weiß ich. Aber was???", schreibt sie. Was ist denn dran?

 

Udo Lindenberg Gutes Aussehen spielt eine Rolle. Und bei mir ist einfach viel los, viel Action. Jeden Tag was Neues. Diesen Lebensstil finden viele Frauen gut. Streckenweise bin ich ja ein ziemlich sensibler Vogel, andererseits ein totaler Radikalinsky. Das finden viele Menschen interessant.

 

COCKTA!L Das Leben im Hotel birgt immer wieder absolute Einsamkeit. Sehnen Sie sich in solchen Momenten nach einem bürgerlichen Leben?

 

Udo Lindenberg Das kann ja durchaus auch etwas Konstruktives sein. Der Zwang, dir selbst zu begegnen. Wenn du willst, kannst du im Hotel sehr interessanten Leuten begegnen. Es sind ja immer Leute hier. Und wenn ich alleine bin, dann heißt es eben: "Let's go indisch". Auch auf die Gefahr hin, dass man da niemandem begegnet. Aber ich begegne mir selbst. Es ist überaus wichtig, dass ich ab und zu mal 'ne kleine Zwischenbilanz ziehe. Nach dem Motto: Wie verläuft die Reise?

 

COCKTA!L Nie Sehnsucht nach einem eigenen Zuhause?

 

Udo Lindenberg Sehnsucht nach einer eigenen Wohnung oder einem Haus habe ich irgendwie nicht. Zur Zeit jedenfalls nicht. Vielleicht kommt das ja mal wieder. Außerdem habe ich ja eine Wohnung in Amiland, in Miami. Die Gegend finde ich sehr exotisch, bei Mexiko um die Ecke und Kuba.

 

COCKTA!L Am 17. Mai werden Sie 50. Welche Bedeutung messen Sie diesem Ereignis bei?

 

Udo Lindenberg Manchmal denke ich, dass das ein Gerücht ist, ein Spuk. Oder dass die Geschichtsschreiber sich irgendwie geirrt haben. Aber es scheint ja was dran zu sein. So'ne Zahl ist ja wie eine Codenummer, eigentlich ohne Bedeutung. Früher war das vielleicht eine Art Schallgrenze. Ich mache mir aber keine Sorgen. Ich fühle mich total flipmässig drauf, bin gesund. Also kann ich die nächsten 30 Jahre richtig durchstarten.

 

COCKTA!L Können Sie das Gefühl beschreiben, wenn man älter wird?

 

Udo Lindenberg Das ist wie mit einer Mondrakete. Am Anfang ist sie schwer und braucht Triebwerke, um alles in Gang zu setzen. Den ganzen Ballast der Unwissenheit wirfst du während deines Fluges nach und nach ab. Eine Stufe nach der anderen. Am Schluss ist es nur noch eine goldene, glitzernde, gleißende Kommandokapsel, die erhaben im höchsten Raume schwebt. Gutes Bild, oder? Ist mir neulich im Traum begegnet.

 

COCKTA!L Zum Geburtstag haben Sie sich gewünscht, Ihren Song "Wozu sind Kriege da?" vor dem Brandenburger Tor zu spielen. Wie ist der Stand der Dinge?

 

Udo Lindenberg Daraus wurde nichts, weil da an dem Wochenende irgendein Festival mit Ostkapellen stattfindet. Obwohl bekannt war, dass ich da am 17. Mai was machen wollte, wurde das Festival angesetzt und nicht wieder abgesagt. Naja, machen wir das halt ein bisschen später.

 

COCKTA!L Haben Sie einen Ersatzwunsch?

 

Udo Lindenberg Nein, wenn mir Leute was schenken, dann bitte nichts Gekauftes. Sie sollen Tonbänder besingen oder Gedichte schreiben oder was malen. Ansonsten feiere ich mit meinem Clan, so circa 100 Leute, an einem geheimen Ort. Danach fünf Wochen in Hamburg und Berlin. Alles komplett, mit Nervenarzt.

 

COCKTA!L Was planen Sie genau?

 

Udo Lindenberg Exzess. Wenn der Exzessor kommt...

 

COCKTA!L Sie sind kürzlich vom Hotel Interconti ins Atlantic umgezogen. Im Atlantic, behaupten Sie, "bin ich gut fürs Renommee". Hat Ihnen die Geschäftsetage hier den besseren Werbevertrag geboten?

 

Udo Lindenberg Das sind ja jetzt Interna. Aber klar, ich habe hier einen sehr guten Deal. Ich wohne zum Vorzugstarif. Das Atlantic ist ein sehr flexibles Hotel. Ich habe hier mein Malatelier (jeden Mittwoch ist Lindenbergs Maltag. Die Redaktion). Dass ich hier wohne, ist für das Hotel sicher gut, weil über mich hier so ein buntes Künstlervölkchen reinkommt. Früher war das Hotel sehr steiftiermässig und etepetete. Heute ist es eine Stätte der Begegnung und ein Haus der offenen Tür.

 

COCKTA!L Sie haben also richtig Rabatt?

 

Udo Lindenberg Ja, logo.

 

COCKTA!L Wieviel?

 

Udo Lindenberg Verrate ich nicht.

 

COCKTA!L Obwohl Sie schon mal einen Herzinfarkt hatten, weichen Sie von dem stressigen Konzept, als Ihr eigener Manager zu fungieren, nicht ab.

 

Udo Lindenberg Der kleine Schocker kam von den Zigaretten. Ich habe täglich 100 Zigaretten geraucht und jeden Tag ziemlich viel Alk getrunken. Kein Sport. Das war nix. Jetzt ist alles wieder o.k. (Lindenberg raucht nikotinfreie Zigaretten, Die Redaktion). Und mit der Managerei ist es so, dass ich einfach noch keinen gefunden habe. Ich müsste jemanden richtig spitze finden. Irgendwann finde ich bestimmt mal einen.

 

COCKTA!L Immer zupfen Leute an Ihrem Ärmel, teilweise klingeln hier zwei Telefone gleichzeitig. Wächst Ihnen die Arbeit nicht manchmal über den Kopf?

 

Udo Lindenberg Nein.

 

COCKTA!L In einem fingierten Brief wurde Ihnen vor ein paar Jahren das Erbe einer alten Frau angeboten. Sie haben abgelehnt mit der Antwort: "Geld macht unglücklich, und ich bin sowieso schon sehr unglücklich." Das müssen Sie erklären!

 

Udo Lindenberg Fand ich ziemlich mysteriös, diesen Erbschaftsantrag. Ich habe mir gleich gedacht, daß das 'ne Verarschung ist. Geld macht aber nicht unglücklich. Glücklich übrigens auch nicht, aber es ist eine feine Sache, Kohle zu haben. Ich habe noch nie was dagegen gehabt. Ich wollte ja auch immer an die Kohle 'ran, das weiß ja jeder. Also, die Antwort damals war einfach nur ein Spruch.

 

COCKTA!L "Hoch im Norden" war 1974 Ihr erster großer Hit. Danach ging die Lindenberg - Karriere richtig los. "Jetzt trinken wir erst mal einen Rum mit Tee" und: "Hier kommst du ganz allmählich auf dem Seehund" heißt es in diesem Lied. Haben Sie geahnt, welch revolutionäre Bedeutung diese Zeilen haben würden?

 

Udo Lindenberg Nee, die Bedeutung habe ich damals nicht erfasst. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich genau darauf gekommen bin. Das war wohl irgendwie 'ne Eingebung. Das ist ja alles so wie nicht von dieser Welt. Ich habe früher schon so 'ne Ahnung gehabt, dass da irgendwie eine himmlische Pipeline zu mir verläuft, durch die Worte und Bilder durchgeschleust werden. Ich bin das Medium, das Werkzeug der Götter.

 

COCKTA!L Ihnen werden Perfektionismus und Egoismus angeheftet. Gibt es eine Kontrollinstanz für Veröffentlichungen? Sind Sie überhaupt kritikfähig?

 

Udo Lindenberg Ich bin schon offen für gutgemeinte, konstruktive Kritik. Das finde ich wichtig. Billige Polemik interessiert mich nicht. Die nehme ich höchstens am Rande zur Kenntnis. Wenn es pfiffig gemeint ist, amüsiert es mich auch mal. Entscheidungsinstanz bin ich letzten Endes natürlich selber. Aber ich habe gute Freunde, die mich beraten, und die sollen mich auch ganz hart kritisieren und fordern.

 

COCKTA!L Fühlen Sie sich als Legende manchmal wie in einem Korsett?

 

Udo Lindenberg Nein, überhaupt nicht. Ich gehe ja spielerisch um mit dem Mythos und dieser Legende, diesem Phantom und dem Denkmal. Du weißt ja, ich schnuppere manchmal an meiner Haut, ob es schon nach Denkmal riecht.

 

COCKTA!L Und???

 

Udo Lindenberg Es riecht nach frischer Lindenblüte...

Anzeige