Magazin CHEXX am Montag, den 16. September 2019
Zeitreise durch das geteilte Berlin
Berlin Friedrichstraße an einem sonnigen Augusttag des Jahres 2019. Touristen aus dem In- und Ausland betrachten staunend eines der letzten authentischen Zeugnisse des Kalten Krieges, den Grenzübergang "Checkpoint Charlie". Selfies werden gemacht. Es riecht nach Curry-Wurst. Die russischen Uniformen an den Händlertischen, eine Kollektion von Gasmasken, Matroschka-Puppen und Soldatenfellmützen passen ins Bild, denn hier befinden wir uns im ehemaligen sowjetisch besetzten Sektor und direkt an einer ehemals brisanten Schnittstelle zweier Welten. Der militärische Kontrollpunkt war während der Teilung Berlins neben der Glienicker Brücke einer der bekanntesten Grenzpunkte unter amerikanischem Kommando für die Angehörigen der alliierten Streitkräfte. Für die Besucher, vor allem die jüngeren, ein spannendes Erlebnis. Was diese Grenze wirklich bedeutete und wie die Menschen in Ost und West damit lebten, können sich aber viele nur schwer oder gar nicht vorstellen. Pünktlich zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls gibt es nun unweit des Checkpoints mit der TimeRide-Show eine neue Attraktion. Dank naturgetreuer Computeranimationen und moderner Virtual-Reality-Technologie kann man sich in das Berlin der 80iger Jahre beamen und die Zeit an verschiedenen Orten und aus unterschiedlichen Erlebnisperspektiven sozusagen hautnah miterleben. Die Zeitreise beginnt zunächst im Hier und Heute mit historischen Erläuterungen direkt am Checkpoint Charlie. Dann wird die VR-Brille aufgesetzt und schon findet man sich sozusagen live in einem düsteren Kapitel deutscher Geschichte wieder, bekommt im 360-Grad Rundumblick einen beklemmenden Eindruck von der Entwicklung der Grenzanlagen seit 1945 bis in die Mitte der 80iger Jahre. Zurück am TimeRide-Standort in der Zimmerstraße beginnt die zweite Station: Der buchstäbliche Blick durch die Mauer. Wie sah der Alltag im Westen aus, wie lebten die Menschen im Osten? Der Blick auf die jeweiligen Seiten zeigt ganz gegensätzliche Lebenswelten.

Nach dem allgemeinen Einblick in die Zeitgeschichte wird es nun sehr persönlich. Zunächst lernt man in kurzen Filmeinblendungen drei typische Lebensgeschichten und Schicksale im geteilten Berlin kennen. Da ist der Ostberliner Fliesenleger, Typ "Herz mit Schnauze", die systemkritische Architektin aus dem Prenzlauer Berg und der unangepasste Kreuzberger Künstler. Jeder ist mit der Trennung und dem System der DDR auf individuelle Weise umgegangen, jeder hat andere Erinnerungen. Mit einem von ihnen kann man nun im virtuellen Bus die Zeitreise antreten und seine ganz individuelle Sichtweise der damaligen Verhältnisse erfahren. Inklusive Personenkontrolle am Checkpoint Charlie, eine Fahrt über die Friedrichstraße, den Gendarmenmarkt oder die Leipzigerstraße. Dabei werden knapp zweieinhalb Kilometer zurückgelegt, vorbei an 600 Gebäuden, etwa 1.500 Passanten und 2.000 Autos - vor allem Trabis. Endpunkt ist der Palast der Republik. Gern würde man noch weiter fahren. Aber die Tour ist beendet. Man nimmt die Brille ab und muss sich erst wieder zurechtfinden. Ein Erlebnis der besonderen Art, das beeindruckt und nachdenklich macht. Für viele "Passagiere" ein spannendes, lehrreiches Abenteuer, für manche auch eine berührende emotionale Rückschau in die eigene Vergangenheit.

Mehr Informationen gibt es unter timeride.de/berlin.

Von Berliner Umschau mit Fotos von Ingrid Müller-Mertens