Magazin CHEXX am Mittwoch, den 11. Dezember 2019
Vom Ende der Langsamkeit
Heute im Jahre 2019 geht alles sehr schnell. Wir nutzen jeden Tag unser Smartphone, schreiben E-Mails, nutzen Whatsapp und SMS. Einen schnellen, heißen Draht zwischen Berlin und Frankfurt gibt es allerdings schon seit 170 Jahren. Früher hat die Nachrichtenübermittlung Tage und Wochen gedauert. Ortrud Toker hat dies in ihrem Buch "Vom Ende der Langsamkeit" unter die Lupe genommen und in ihrem Forscherroman beschrieben, wie und warum das mit der Geschwindigkeit angefangen hat. Die Hauptpersonen dabei sind: Werner von Siemens, Bertha Benz und Philipp Reis. Übrigens, Philipp Reis hat das Telefon erfunden. Den kennt heute leider kaum noch einer.

CHEXX Was war und ist am Thema Geschwindigkeit spannend?

Ortrud Toker Es geht immer weiter und noch schneller voran. Die Entwicklung hört nicht auf, ist nicht vorherzusehen, und wir sind mittendrin. Jedes Kind weiß heute, dass Daten und Informationen das Gold der digitalen Gesellschaft sind. Spannend ist auch, dass die Geschwindigkeit bei der Nachrichtenübermittlung schon immer ein Machtfaktor gewesen ist und übrigens auch immer sein wird. Das beweist schon die antike Geschichte um den Marathonläufer. Wissen ist Macht. Und ein Milliardengeschäft. Gerade wird der neue Funkstandard 5G etabliert, der autonomes Fahren ermöglichen soll, ebenso Industrie 4.0 und die weitere Vernetzung der Dingwelt. Mein Buch "Vom Ende der Langsamkeit" beantwortet die Frage, wie und wann das alles begonnen hat. Der Blick auf die Anfänge macht die heute sehr komplexen Zusammenhänge verständlicher. Und zollt denen Respekt, die sich als erste erfindungsreich mit dem Thema beschäftigt haben. Autofahren, Telefonieren und Datenübertragung in Echtzeit sind für uns heute selbstverständlich.

CHEXX Und wie wurde das Ende der Langsamkeit eingeleitet?

Ortrud Toker Im Berliner Museum für Kommunikation und im Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main stehen Geräte, die vor 170 Jahren die Nachrichtenübermittlung revolutionierten. Damit meine ich die formschönen Zeigertelegraphen von Siemens & Halske. Sie initiierten eine neue Ära: Den Beginn der Beschleunigung von Nachrichtenübertragungen. Das ist ein ganz schön spannendes Stück deutscher Mediengeschichte. Technische Entwicklung und Politik gingen schon damals Hand in Hand. Und die "Kutsche ohne Pferde", wie Carl Benz seine Erfindung nannte, also das Auto, hat auch so viel verändert. Mein Roman "Vom Ende der Langsamkeit" folgt diesen Erfinderpersönlichkeiten und macht deren Leidenschaften, Kämpfe, Rückschläge und Triumphe lebendig.

CHEXX Und was haben wir Berlinerinnen und Berliner damit zu tun?

Ortrud Toker Hier, mitten in der Stadt, hat alles angefangen. Der junge Offizier Werner Siemens hatte früh den richtigen Riecher. Er war ganz vorne mit dabei, als die brandneue Technologie der Telegraphie, die ersten stromgebundenen Geräte, sogenannte Zeigertelegraphen, für eine immense Beschleunigung der Nachrichtenübermittlung sorgten. Bereits 1847 hatte Siemens mit dem Mechaniker Halske seine Telegraphen Bau-Anstalt in Berlin gegründet, in einem Hinterhaus in der Schöneberger Straße. Als der preußische König während der Revolution 1848/49 schnellstmöglich über die Entwicklungen der Nationalversammlung in der Paulskirche in Frankfurt informiert werden wollte, ging alles sehr schnell. Siemens gewann die Ausschreibung und zog in Windeseile Kupferdrähte an Masten von Berlin nach Frankfurt am Main. Voilá! Die erste Fernstrecke Europas war geboren. Das Zusammenspiel von modernster Technologie und politischem Machtinteresse ermöglichte so den ersten heißen, schnellen Draht zwischen Frankfurt und Berlin.

CHEXX Seither ist ja sehr viel passiert. Neben Bertha Benz und Philipp Reis spielt Werner von Siemens eine große Rolle. Was würde Werner von Siemens sagen, wenn er heute lebte?

Ortrud Toker Werner von Siemens zeichneten die Eigenschaften eines echten Unternehmers aus, im ursprünglichen Sinne, d. h. Menschlichkeit und soziale Verantwortung für seinen Mitarbeiter waren selbstverständlich und standen nicht im Gegensatz zu Wachstum und Profitsteigerung. Siemens hatte immer das gesellschaftliche Allgemeinwohl im Blick. Er kümmerte sich sowohl um ein gerechtes Patentrecht als auch um eine Rentenkasse für seine Mitarbeiter, um nur zwei Beispiele zu nennen. Werner von Siemens würde sich bestimmt auch heute politisch und sozial aufstellen. Und vermutlich auch dann und wann die Geschwindigkeit verteufeln.

Ortrud Toker studierte Kunstgeschichte, klassische Archäologie und Philosophie an der Johann Wolfgang von Goethe Universität in Frankfurt. Sie arbeitet in diversen Museen, unter anderem im Deutschen Filmmuseum und im Museum für Kommunikation in Frankfurt. Ihre Schwerpunkte liegen in der frühen Film- und Mediengeschichte. Das Buch "Vom Ende der Langsamkeit" ist im Verlag Henrich Editionen, Frankfurt am Main erschienen.