ISSN 2701-6757 | Magazin CHEXX am Samstag, den 19. September 2020
Geraubte Gemälde nach 40 Jahren zurückgekehrt
Ein hoch emotionaler Moment - wie ihn auch Medienvertreter selten erleben - als sich am Freitag auf der Pressekonferenz der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha im edlen Ambiente des Berliner Magnus-Hauses, der Vorhang öffnete. Zum Vorschein kamen fünf Gemälde aus dem 16. Jahrhundert, die nach dem wohl spektakulärsten Kunstraub in der DDR seit über 40 Jahren als verschollen und unwiederbringlich galten. Auf schlichten Holzstaffelleien ganz unprätentiös präsentiert. Nach einem Augenblick andächtiger Stille brandete Beifall auf. Er galt den fünf geretteten Bildern, aber vor allem ihrer schier unglaublichen Geschichte. Eine reale Story, mit spektakulärem Beginn und spektakulärem Happyend. Bei den Werken handelt es sich um Gemälde von Hans Holbein dem Älteren (1465 - 1524), von Franz Hals (1580 - 1666) sowie von einem unbekannten Künstler nach Anthonis van Dyck (1599 - 1641) und von dem Rembrandt-Schüler Ferdinand Bol (1616 - 1680). Ein Bild stammt aus der Werkstatt Jan Brueghels des Älteren (1568 - 1625).

Mit rund vier Millionen Euro Versicherungswert mögen sich die Gemälde in finanziell erschwinglichem Rahmen halten, für die Kunstsammlung von Schloss Friedenstein und nicht zuletzt für die Gothaer sind sie von unschätzbarem historischem und ideellem Wert, handelt es sich doch um Werke aus der einstigen fürstlichen Sammlung, die untrennbar mit der Geschichte der Stadt und des Landes Thüringen verbunden sind.

"Die Rückkehr der Bilder ist für Gotha wahrscheinlich das glücklichste Ereignis seit der Wiedervereinigung", sagte ein sichtlich bewegter Knut Kreuch, Stiftungsratsvorsitzender und Oberbürgermeister von Gotha. Ja, man kann sagen, der Held der Geschichte. Denn dank seiner diplomatischen Meisterleistung, geschickten Verhandlungsführung und einer großen Portion Thüringer Sturheit gelang ihm ein wohl einmaliger Coup: Das geraubte Kunstgut kam nicht nur unversehrt zurück, sondern ganz ohne finanzielle Gegenleistung.

Gehen wir zurück in das Jahr 1979. In der Nacht zum 14. Dezember 1979 kletterten Einbrecher über einen Blitzableiter in den Westflügel des Schlosses und stahlen die damals wertvollsten Bilder samt Rahmen aus der Gemäldesammlung des Gothaer Schlosses Friedenstein. Der größte Kunstraub in der Geschichte der DDR. Ganz Gotha war traumatisiert. Über 1.000 Bürger wurden vernommen. Ohne Erfolg. Die Werke galten seitdem als verschollen. Vermutlich gelangten sie in den 80er Jahren "durch einen privaten Transport" in den Westen. Die Wege sind noch unklar. Von einer Stasi-Beteiligung bzw. Involvierung des Devisenimperiums "Kommerzielle Koordinierung" habe man keine Kenntnisse, so Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung.

Am 6. Dezember 2019 dann die Sensation: Die Stiftung Schloss Friedenstein gab bekannt, dass die Bilder nach 40 Jahren möglicherweise wieder aufgetaucht seien. Ein Anwalt war im Juli 2018 an Knut Kreuch, herangetreten, um die fünf Gemälde zum Kauf anzubieten. Er gab an, im Auftrag einer Erbengemeinschaft zu handeln, die die Gemälde von den Eltern geerbt hätte und eine hohe Millionensumme für die Rückgabe verlangte. Klar wurde nun, dass sich alle fünf Bilder im Besitz einer einzelnen Familie befunden hatten und alle Beteiligten sich offensichtlich über die kriminelle Herkunft im Klaren waren. Fest stünde allerdings, dass die Familie am Raub nicht beteiligt gewesen sei.

Nach nervenzermürbendem Hin und Her kam es dann Ende September 2019 schließlich im Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen in Berlin zur Übergabe der Gemälde mit dem Ziel, ihre Authentizität zu prüfen. Ein aufwendiges und ebenfalls äußerst spannendes Kapitel in dieser Geschichte. Mit positivem Ausgang: Die Gemälde sind echt und in einem guten Zustand.

Unter größter Diskretion hatte Knut Kreuch seit 2018 mit finanzieller und fachlicher Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung die Geheimverhandlungen zur Rückführung der Kunstschätze geführt. Kreuch sei dabei bis an die Grenze dessen gegangen "was fachlich geboten und rechtlich erlaubt sei", erklärte die beteiligte Berliner Rechtsanwältin Friederike Gräfin von Brühl. Alles in allem sei die schließlich freiwillige Übergabe der Bilder ohne jegliche finanzielle Gegenleistung eine "Sensation". Die zivilrechtliche Seite des Falles sei damit abgeschlossen. Allerdings ermittelt das Landeskriminalamt im Auftrag der Berliner Staatsanwaltschaft nun noch wegen des Verdachts der Erpressung. Im Fall des Diebstahls greift inzwischen die dreißigjährige Verjährungsfrist.

Die fünf Bilder werden nun in die Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha überführt, dort im Herzoglichen Museum ab Montag, 20. Januar, 14 Uhr bis zum Sonntag, 26. Januar 2020 ausgestellt und anschließend restauriert. Für 2021 ist eine umfassende Ausstellung geplant, die auch die Hintergründe des Diebstahls und - soweit aufgeklärt - den zwischenzeitlichen Verbleib der Gemälde thematisieren soll.

Von Berliner Umschau

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