Magazin CHEXX am Dienstag, den 18. Februar 2020
Frühlingsstürme
Am 12. März 1933 fiel im Berliner Admiralspalast der letzte Vorhang für die Erfolgsoperette "Frühlingsstürme". Im Januar 1933 - zehn Tage vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten - war das in China und Italien angesiedelte musikalische Verwirrspiel um Liebe und Politik uraufgeführt worden, nur zwei Monate später wurde es abgesetzt. Und dafür gab es nur einen Grund: Der in Prag geborene und damals überaus erfolgreiche Komponist Jaromir Weinberger war Jude. Damit geriet die letzte Operette der Weimarer Republik - in der der damals weltberühmte Tenor Richard Tauber Triumphe feierte - in Vergessenheit. Tauber und die anderen jüdischen Besetzungsmitglieder verließen Deutschland und Europa, ebenso wie Weinberger, dessen Mutter und Schwester von den Nazis ermordet wurden und der sich später in den USA das Leben nahm. Zum Glück gibt es Barrie Kosky, Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, der im Rahmen seiner Operetten-Entdeckungen der 1930er Jahre nun auch die "Frühlingsstürme" aus ihrem 87jährigen Dornröschenschlaf wachgeküsst hat. Wachgeküsst mit viel Herzblut, Wärme und Respekt vor dem Original. Und auch enormem Aufwand. Denn die Partitur war verschollen. Nach intensivem Suchen fand man lediglich einen Klavierauszug. Norbert Biermann rekonstruierte daraus und aus vorhandenen alten Tonaufnahmen eine Orchesterfassung, die dem Anspruch dieses Werkes zwischen rhythmisch beschwingter Operette und theatralischer großer Oper gerecht wird und den einschmeichelnden Sound damaliger Revue-Seligkeit perfekt wiedergibt.

Und so hob sich nun im Januar 2020 endlich wieder der Vorhang für ein Werk, das die Gattung Operette in vielerlei Hinsicht überschreitet. Und das nicht nur, weil es kein Happyend gibt. Barrie Kosky öffnet sozusagen gemeinsam mit dem wieder einmal in allen musikalischen Facetten der Swing-Ära brillierendem Orchester (Dirigent Jordan de Souza) eine Wunderkiste mit einem verlorenen Schatz - metaphorisch wie bildlich auf der Bühne. Denn zu Beginn wird das Publikum mit einer überdimensionierten Holzkiste konfrontiert (Bühnenbild Klaus Grünberg), deren nüchterner Anblick vor schwarzem Bühnenhintergrund zunächst irritiert. Aber sogleich erweist sie sich als Schatzkiste, die nach verschiedenen Seiten variabel geöffnet werden kann und ihren kostbaren Inhalt preisgibt. Ohne großen Ausstattungsaufwand und doch eindringlich auf die verschiedenen Szenerien - Feldlager, Salon, Hotel - und die Darsteller fokussiert.

"Frühlingsstürme" spielt im russisch-japanischen Krieg Anfang des 20. Jahrhunderts in der Mandschurei. Der russische General Katschalow ( Schauspieler Stefan Kurt in komödiantischer Höchstform) und sein vermeintlicher chinesischer Diener lieben dieselbe Frau, Lydia Pawlowa Der chinesische Diener ist in Wirklichkeit der japanische Spion Ito, den Lydia auch liebt. Indem sie sich dem General nähert, stachelt sie Itos Eifersucht an, aber in Wirklichkeit will sie ihm damit helfen - aber der General geht durchaus auch taktisch vor und gibt ihr falsche Informationen. Vera-Lotte Boecker als Lydia beeindruckt durch ihre präzise Darstellung und eine ausdrucksvollen Stimme mit großer Strahlkraft. Tansel Akzeybek als Ito betört mit einem wunderbar klaren Tenor und einer Textverständlichkeit, wie man sie auf Opernbühnen selten hört. Besonders seine finale große Liebeserklärung "Du wärst für mich die Frau gewesen". Eine Bravourarie, die lange im Ohr bleibt. Und natürlich darf auch das genretypische Buffo-Paar nicht fehlen. Alma Sadé (Tatjana) und Dominik Köninger (Roderich) geben mit viel Temperament, etwas überzogener Albernheit und netter Unterstützung der vielseitigen Tanzgruppe (Choreographie Otto Pichler) den vor Lebensfreude sprühenden Kontrast zu den beiden unglücklich Liebenden. Für Glamour und farbenfrohe Folklore sorgen die Kostüme von Dinah Ehm.

Japanische Spione, als Chinesen verkleidet im Hauptquartier der russischen Heeresleitung, eine junge Witwe aus St. Petersburg, die das Blut der Offiziere in Wallung bringt und ein kalauernder deutscher Reporter, der die frech-vorlaute Tochter des befehlshabenden Generals zu umgarnen versucht, dazu ein melancholischer Held zum Dahinschmelzen - das sind die Zutaten dieser eigenwilligen Spionage-Operette von Jaromir Weinberger. Und bei gut zweieinhalb Stunden Spieldauer wird auch richtig was geboten fürs Geld. Vielleicht - diese Bemerkung sei bei aller Hochachtung gestattet - wäre eine kleine Kürzung, besonders im zweiten Teil optimal gewesen. Dank Barrie Kosky eine würdige Hommage an Jaromir Weinberger aber auch und vor allem ein vergnüglicher Operettenabend.

Ab März wird es mit Jaromir Weinbergers "Schwanda der Dudelsackpfeifer" - die Oper wurde in den 1920er Jahren häufiger aufgeführt als "Die Zauberflöte" oder "Carmen" - in der Komischen Oper eine weitere Wiederentdeckung des Komponisten geben, auf die man gespannt sein darf.

Von Berliner Umschau