Magazin CHEXX am Samstag, den 28. März 2020
André Heller gibt sein Operndebüt an der Staatsoper
Ärger mit der Verwandtschaft macht auch vor dem Wiener Hochadel nicht halt: Der ungehobelte Baron Ochs auf Lerchenau stört das morgendliche Tête-à-tête seiner Vetterin, der Feldmarschallin, mit ihrem jungen Liebhaber Octavian, um sie für seine eher von pekuniären Interessen geleiteten Hochzeitspläne um Hilfe zu bitten. Dabei ahnt er nicht, dass der zum Rosenkavalier bestimmte Octavian sich schließlich selbst in die Braut verliebt …

Nach den archaisch-dramatischen Einaktern "Salome" und "Elektra" suchte Richard Strauss für seine nächste Oper nach einem leichteren, heiteren Stoff im Stil von Mozarts Opernkomödien - ein Ansinnen, auf das sich auch Hugo von Hofmannsthal gern einließ. Er schuf mit seinem Libretto ein künstliches Rokoko-Wien mit ebenso überzeugenden wie erfundenen Bräuchen und Dialekten, das Strauss auf musikalischer Seite noch mit anachronistischen Walzern - ein wenig ironisch - veredelte.

In diesem Fantasie-Wien voller Lebenslust, Schwänke und althergebrachter Standesgrenzen, aber auch voll Depression und Morbidität spiegelt sich nicht nur das 18. Jahrhundert, sondern erst recht die dem Ende zusteuernde Belle Époque. So bietet Strauss’ Partitur noch einmal den ganzen orchestralen Klangfarbenreichtum auf, schier hemmungsloses Schwelgen, das im in puncto musikalischer Schönheit unübertroffenen Schlussterzett kulminiert, zeigt aber auch tiefe Brüche. Nur wenige Jahre vor dem Zusammenbruch der Donaumonarchie wird "Der Rosenkavalier" zum Abgesang auf eine ganze Epoche. Die Dresdener Uraufführung 1911 in der Regie von Max Reinhardt und Ernst von Schuch am Dirigentenpult war eine der prachtvollsten Opernpremieren des jungen 20. Jahrhunderts.

Stardirigent Zubin Mehta setzte in der Staatsoper auf Klarheit und vermied allzu ausufernde Melodienseligkeit - für den Fan üppiger Strauss´scher Klangbilder vielleicht an einigen Stellen etwas enttäuschend. Freuen konnte man sich dagegen über die neue Akustik des Hauses, die besonders beim geradezu rauschhaften Wohlklang der Staatskapelle optimal zur Geltung kam. Aber es ging nicht nur ums Schwelgen, es ging auch darum, die Handlung und die von Strauss so eindringlich "gemaltenv Sittenbilder einer untergehenden höfischen Gesellschaft eindrucksvoll in Szene zu setzen. Die handelnden Personen sind allesamt starke Charaktere: Die Marschallin, die sich in Abwesenheit ihres Gatten mit dem jungen Octavian vergnügt. Der zudringliche, lüsterne Baron Ochs auf Lerchenau, der die sanfte, hübsche Sophie heiraten will. Die allerdings ist davon entsetzt und erobert im Sturm das Herz von Octavian. "Der Rosenkavalier" ist eine Oper, die dem bürgerlichen Publikum seine Nichtigkeit vorführt: Liebe als Geschäft, rücksichtsloses Streben und die Sinnlosigkeit jedes Strebens angesichts von unvermeidbarem Alter und Tod.

Besonders gefeiert vom Premierenpublikum wurden Camilla Nylund in der Rolle der Feldmarschallin und Günther Groissböck als Baron Ochs auf Lerchenau. Die finnische Sopranistin und der österreichische Bass brillierten gesangstechnisch und schauspielerisch. Ebenso überzeugten die kanadische Mezzosopranistin Michèle Losier als Octavian sowie Nadine Sierra als Sophie und Roman Trekel als Herr von Faninal.

Eher zwiespältig war die Meinung zur Regie. Bei der Premiere gab es Bravo- und Buh-Rufe für die Inszenierung von André Heller. Zusammen mit der österreichischen Malerin Xenia Hausmann (Bühnenbild) und dem Modeschöpfer Arthur Arbesser (Kostüme) transformierte der Wiener Multimediakünstler bei seinem Opern-Debüt den wienerischen Glanz aus der Handlungszeit um 1740 farbenfroh und phantasievoll in die Entstehungszeit des Werkes. Gemälde von Gustav Klimt schmücken das Stadtpalais des neureichen Herrn von Faninal, der Meister selber im langen Malerkittel hat einen Sekundenauftritt beim Rosenkavalier-Empfang.

Heller hat sich den "Rosenkavalier" von Richard Strauss ausgesucht und sich und seinem Team einen Leitsatz mit auf den Weg gegeben: Ein wunderbares schönes Spektakel soll es für die Zuschauer geben. Mit ein paar vermeidbaren Längen ist das durchaus gelungen.

Von Berliner Umschau