ISSN 2701-6757 | Magazin CHEXX am Dienstag, den 13. April 2021
Gerald Grote - Nur Hühner sprechen geflügelte Worte
Er sprüht nur so von Ideen. Gerald Grote, in Kiel geboren, mit Zwischenstationen in Berlin, Braunschweig und bei Pardon, ist ein kreativer Macher und den Einfällen irgendwie immer einen Schritt voraus. Der quirlige Wortakrobat gab in den 1990er Jahren in seinem Verlag EinfallsReich, der Name war Programm, einige Bücher heraus und ist auch als Autor mit Sachbüchern wie "Der Kommissar. Eine Serie und ihre Folgen" recht erfolgreich. Ab den 2000er Jahren kam die Arbeit als Regisseur von Kurz- und Dokumentarfilmen hinzu. Großen Erfolg erzielte sein 95-minütiger Dokumentarfilm "Bis an die Grenze", der als Sammlung von Zeitdokumenten aus hunderten bisher unveröffentlichten Schmalfilmen aus privater Hand sehr persönliche Blicke auf die Mauer aufzeigt. Aber auch als Gründer und langjähriger Leiter des Internationalen Naturfilmfestivals Green Screen bewies der umtriebige Kieler eine gute Hand. Die jährlich in Eckernförde durchgeführte Veranstaltung gehört inzwischen zu den größten internationalen Natur- und Tierfilmfestivals der Welt und wird heute von Terra X-Moderator Dirk Steffens geleitet. Nun hat sich Gerald Grote, der COCKTAIL einst mitgründete, wieder mehr dem Wort verschrieben.

CHEXX Du bist ein bekannter und erfolgreicher Autor, Regisseur und Filmemacher. Deine Faszination für die deutsche Sprache vereinst Du mit Deiner Fähigkeit zur Kommunikation, die sich in Deinen Buch- und Hörbuchveröffentlichungen und Deinen Filmproduktionen ausdrückt. Was fasziniert Dich an der deutschen Sprache?

Gerald Grote Reden ist Silber, schreiben ist Gold. Formulieren bedeutet für mich, einen Gedanken zur Sprache zu bringen. Ein Autor, der Texte in die Tastatur tippt, redet quasi mit den Händen. Und er hat eine große Auswahl: 75.000 Begriffe hat der Deutsche Standardwortschatz. Mein Vater war ein sehr belesener Mann, der die Begeisterung für Bücher an mich weitergegeben hat. Wobei das Interesse für Wortwörtlichkeiten durch Till Eulenspiegel geweckt wurde. Schon als Kind habe ich aber nicht nur gelesen, sondern auf der Schreibmaschine erste Texte verfaßt. Und schnell begriffen, daß unsere Sprache ein Wortschatz von ungeheurem Wert darstellt, der, im Zusammenwirken mit Phantasiereichtum und unserem Urteilsvermögen, im Leben die meisten Zinsen bringt. Im Laufe der Jahre habe ich zudem eine wichtige Erkenntnis gewonnen: Ein guter Schriftsteller beherrscht zwar seine Sprache, aber er behandelt die Buchstaben nicht wie Sklaven.

Gerald Grote

CHEXX Du kommst aus dem schönen Schleswig-Holstein: Welchen Anteil hat das Plattdeutsche in Deiner Sprache?

Gerald Grote Meine Oma sprach plattdeutsch, meine Mutter ebenfalls, aber ich habe die Sprache nie richtig gelernt. Ein paar Gedichte konnte ich als Schüler aufsagen, das war alles. Ich bin zwar in der Lage, plattdeutsche Texte zu verstehen. Aber sprechen kann ich sie nicht. Darum hat sie auch keinerlei Bedeutung in meinen Arbeiten.

CHEXX Sprache ist ein Spiegel der Kultur. Wie beurteilst Du die derzeitige Sprachkultur in Deutschland?

Gerald Grote In der Sprache wohnt die Kraft, Wirklichkeit zu werden. Aber nur dann, wenn sie auch verstanden wird. Klarheit ist dafür eine Voraussetzung. Und genau daran krankt die Kommunikation. Und am fehlenden Sprachgefühl. Außerdem gibt es eine Kultur der Nichtkultur. Sie erzeugt eine Gesellschaft begossener Pudel, in der nur noch kleinlaut gebellt wird. Wie wichtig jedoch ein Miteinander ist, zeigt sich gerade in diesen Wochen ganz besonders. Und wir merken auch, was uns fehlt: Nicht Toilettenpapier, Desinfektionsmittel oder Brot, nein, Kultur! Sie ist, um es ein bißchen pathetisch zu sagen (ja, auch das kann unsere Sprache!), wie ein weiches Tuch, das den Staub des Alltags behutsam von unseren Herzen wischt.

Gerald Grote

CHEXX Was würdest Du verändern wollen? Was wünscht Du Dir?

Gerald Grote Ein obligatorisches Unterrichtsfach, "Literatur, Theater, Film" an den Schulen, um Sprache und Kultur besser und mit Empathie zu vermitteln, würde ich mir wünschen. Denn es gibt eigentlich nur drei Dinge, die wirklich wichtig sind: Erstens: Bildung. Zweitens: Bildung. Und drittens: Bildung. Ein ganz privater Wunsch wäre noch, wieder etwas mehr Höflichkeit in die deutsche Sprache zu bringen; aber dafür bräuchten wir wohl neben dem Duden auch den Sieden ...

CHEXX Wann hast Du Deine Leidenschaft für die deutsche Sprache entdeckt? Gab es einen bestimmten Auslöser?

Gerald Grote Einen direkten Auslöser vermag ich nicht zu benennen. Es waren wohl mehrere: Bücher, Kino, Hörspiele im Radio, aber auch Gespräche mit den Eltern. Und Comics, die ich damals sehr gerne las. Das Bildhafte und die Verbindung zum Text faszinierten mich. Außerdem formulierte ich gerne Briefe, beispielsweise an meine Großmutter. Obwohl ich als Kind bereits in der Lage war, ganz zügig zu schreiben, habe ich die Worte an meine Oma ganz besonders langsam zu Papier gebracht, weil sie ja nicht mehr so schnell lesen konnte.

Gerald Grote

CHEXX Wie stehst Du zur gendergerechten Sprache?

Gerald Grote Um die Sprache zu lernen, müssen Kinder zu Wort kommen. Egal welches Geschlecht sie haben. Darum wünsche ich mir eine gerechte Sprache in einer gerechten Gesellschaft, die mir viel zu fachgerecht geworden ist und sich allzu selbstgerecht auf die eigene Schulter klopft.

CHEXX Unsere Sprache ist durchdrungen von Anglizismen. Wie ist Deine Haltung dazu?

Gerald Grote Fremdwörter - auch englische - sind Bestandteile der deutschen Sprache. Gegen Ausdrücke wie "fair, Interview, Trainer oder Computer" ist nichts einzuwenden. Aber es gibt auch diese Prahlwörter, Begriffe, die sich wichtig machen und mit denen mancher Sprecher den Mund viel zu voll nimmt: "event, highlight, shooting star, outfit". In Kiel gibt es einen Bier- und Spirituosen-Laden, der nennt sich "World of Getränke". Ein Hamburger Blumengeschäft behauptet "Happy macht glücklich", eine Hotel-Kette wirbt mit der Zeile: "Einfach easy". Der NDR Hörfunk startete die Aktion "Deutsch all over the world" und die Firma Triumph-Adler geht mit "Simplyfie your Büro" auf Kundenfang. Es gibt "Tablewater mit Kohlensäure" und "Delicious Brötchen fresh belegt". Und McDonalds treibt den Kauderwelsch auf die Spitze: "Have you schon probiert our Frühstück?"

Gerald Grote

CHEXX Heißt es bald im Solarium "Indoorbrowning by solarbanking"?

Gerald Grote Also: Von allen Fremdsprachen ist nur eine besonders geeignet, unserem Herzen gehörig Luft zu machen, nämlich wenn wir Tacheles reden.

CHEXX Dein neues Wortprojekt besteht aus scharfsinnigen Wortspielen. Was war der Impuls? Gibt es dazu eine Geschichte?

Gerald Grote Für mich sind Zeitungen, Magazine oder Bücher nahrhafte Lesensmittel. Sie geben meiner Phantasie handfeste Nahrung. Sie machen Appetit auf buchstäbliche Abenteuer. Sie sind Speise und Speisekarte gleichzeitig. Als aufmerksamer Leser fallen mir gelegentlich eigenartige Buchstaben-Kombinationen auf oder die merkwürdige Doppeldeutigkeit mancher Begriffe. Diese geben mir zu denken und plötzlich ist eine Idee da. Und daraus gestalte ich meine Worthographie. Diese Sprachbilder ergeben meine Art von Verständigung. Die ist wie eine Brücke, über alle Einflüsse hinweg.

CHEXX Deine Zitate beinhalten einen feinsinnigen Humor. Welchen Stellenwert hat Humor für Dich?

Gerald Grote Ungeübte Witze-Erzähler können sich mit ihrer Art von Humor viel verscherzen. Das ist mir schon als Schüler aufgefallen. Darum habe ich viel geübt. Zum Beispiel lustige Gedichte auswendig gelernt und weitererzählt. Und fand alsbald überall Zuhörer. Später, während meines Studiums, habe ich mir mit kleinen Auftritten sogar Geld damit verdienen können. Das Komische hat mich in meinem Leben stets treu begleitet und Spuren hinterlassen. Aber auch das Gefühl für guten Humor. Das ist nicht die Bananenschale, auf der ein Minister ausrutscht, sondern die Überraschung, wenn daraufhin die gesamte Regierung stürzt.

Gerald Grote

CHEXX Welche sprachlichen Vorbilder hast Du? Wer hat Dich besonders inspiriert?

Gerald Grote Ausdrucksstarke Journalisten, eloquente Schriftsteller, famose Werbetexter. Die Vorbilder lauern tatsächlich überall. Eigentlich muß man nur hingucken. Lesen heißt ja auch ernten. Zu erleben, daß die Saat der Gedanken aufgeht, Wortfelder aufblühen und ausgereifte Sätze sogar über sich hinauswachsen. Das ist immer wieder ein Erlebnis. Nur schade, daß es offenbar immer weniger Leite gibt, die dieser Wort-Verführung erliegen. Lesen war mal gleichbedeutend mit sich vertiefen und schmökern; heute, im Zeichen des Jet-Set, werden Texte nur noch überflogen.

CHEXX Wen würdest Du gerne mal treffen wollen, der wie Du die Klaviatur der Sprache beherrscht?

Gerald Grote Eigentlich fällt mir nur einer ein: Wilhelm Busch. Er war ein großartiger Zeichner, ein sprachsinniger Wortnutzer und, soweit mir bekannt, ein feingeistiger Mann.

Gerald Grote

CHEXX Deine Zitate sind eine Spiegelung der Menschen und insgesamt der Gesellschaft. Beobachtest Du viel? Sind Menschen mit ihren Verhaltensweisen Deine Inspirationsquelle?

Gerald Grote Durch Beobachten und Zuhören ergeben sich viele Anregungen. Aber auch durch Gespräche, Kritik oder einfach nur durch die Provokation, die von einem einfachen, unbeschrieben Zettel ausgeht, welcher vor mir liegt. Denn Papier ist gar nicht so geduldig, wie immer behauptet wird.

CHEXX Mit Deinen Wortschöpfungen bist Du auch gesellschaftskritisch unterwegs. Welche Themen beschäftigen und bewegen Dich gerade am meisten?

Gerald Grote Auf Politiker kann man sich wirklich verlassen. Sie machen stets die gleichen Fehler. Und die bestehen darin, nicht bürgernah zu sein, keine klaren Antworten auf die Fragen der Zeit zu haben und die gewünschte Tatkraft vermissen zu lassen. Und genau gegen diese Oberflächlichkeit, dieses Desinteresse möchte ich gegenanformulieren. Für eine Politik der Klarheit. Erst die erzeugt Zuversicht. Denn niemand zahlt gerne Steuern für ein Fragezeichen.

CHEXX Viele funkensprühende Ideen entstehen in der Bewegung: Beispielsweise beim Spaziergang, beim Sport oder beim Wandern. Hast Du ein Ritual, wann und wie Ideen für Deine Wortakrobatik fließen? Wann hast Du die besten Ideen?

Gerald Grote Man könnte denken, bei mir wäre es die Bewegung, der Sport, die Akrobatik, denn ich mache ja so etwas wie Salto Wortale. Aber so ist es nicht. Es gibt keinen speziellen Ort und keine ausgewählte Atmosphäre, welche auf mich besonders inspirierend wirken. Ich brauche lediglich Ruhe, einen Stift und ein Blatt Papier. Bei guter Laune ist das Ergebnis lustiger.

Gerald Grote

CHEXX Dein neues Wortspiel-Projekt erinnert an die Sehtest-Tafeln beim Augenarzt oder Optiker. Wie kam es dazu?

Gerald Grote Ich hatte immer schon eine Vorliebe für die kleine Form, das Zitat, den Aphorismus. Einen Sachverhalt, einen Gedanken mit wenigen Worten auf den Punkt zu bringen, gefällt mir ausgesprochen gut. Also habe ich meine Einfälle stets notiert und irgendwann zusammengetragen. Doch was sollte mit den vielen Denksprüchen geschehen? Über einen langen Zeitraum wußte ich das tatsächlich nicht. Bis ich schließlich eine Augenarzt-Sehtesttafel erblickte und mich fragte, ob diese Schrift-Anordnung womöglich die richtige Ausdrucksweise sein könnte. Bereits beim ersten Versuch erwies sich die Idee als goldrichtig. Die Lesespannung wird stetig größer und die Buchstaben immer kleiner. Das ist offenbar eine interessante Kombination.

CHEXX Welche Menschen möchtest Du konkret mit Deiner Wortakrobatik ansprechen?

Gerald Grote Die Frage der Zielgruppe ist im Marketing von zentraler Bedeutung, bei der Kunst glücklicherweise nicht. Sie gibt uns die Gelegenheit, etwas zu zeigen, was wir noch gar nicht kennen. Darum läßt sich nur ungenau sagen, wen die Texttafeln ansprechen können. Auf jeden Fall wird es sich um mitdenkende Menschen jeden Alters handeln. Ich könnte mir vorstellen, daß nicht nur die Wartezimmer von Augenärzten zur Präsentation dieser Buchstabenbilder geeignet wären, sondern auch die Büros von Werbe-Agenturen. Aber auch in vielen Wohnungen könnte eine derartige Grafik ein aussagekräftiger Hingucker sein.

CHEXX Welche Wünsche und Visionen hast Du für die Zukunft?

Gerald Grote Eine Zukunft mit Vergangenheit ergibt immer eine bessere Gegenwart. Darum spielt in meinen Buch-, Film- oder Kunst-Projekten immer auch die Zeit eine zentrale Rolle. Aber eher die Vergangene als die Künftige, denn nur sehr wenig läßt sich im Voraus festlegen. So mancher Weichensteller wartet immer noch auf den Anschlußzug. Darum bewege ich mich im kleinen Radius um die Gegenwart herum und streife so auch alle anderen Zeiten. Als Kind hatte ich übrigens einen nicht alltäglichen Wunsch. Ich wollte ein Ritter sein. Dann hätte ich eine Lanze für die Welt brechen können.

CHEXX Danke für das Gespräch und weiterhin viele wunderbare Ideen.

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