ISSN 2701-6757 | Magazin CHEXX am Freitag, den 24. September 2021
Die Reisen des jungen Mr. Happy
Der junge Mr. Happy ist enttäuscht vom Leben. Anders als die Zeichentrickserien aus seiner Kindheit ihm suggeriert haben, sieht er sich im beginnenden Erwachsenenleben bloß mit Banalitäten und Langeweile konfrontiert. Dazu kommt eine verklemmte Sexualität. In exotischen Reisen und hedonistischen Ausschweifungen sucht er, wie viele Reisende vor ihm, Erlösung zu finden. Die Glückssuche hinter dem Horizont. Aber sein Streifzug um die Welt wirft Zweifel auf. Was taugen die Kalendersprüche der Backpacker? In seinen Berichten erzählt er nüchtern-zynisch von seinen Abenteuern im thailändischen Rotlichtmilieu und dem Propagandawahnsinn in Nordkorea; aber auch von der Einsamkeit in der Sahara oder Geheimdienstverhören in Israel. Dabei entwickelt er eine ganz eigene Sicht auf eine Welt, in der Wahrheit nur Wahrnehmung, echte Liebe käuflich und Langeweile eine Tugend ist.

CHEXX Herr Höne, welche Passage Ihres Buches finden Sie am gelungensten?  

Marco Höne Am besten wird Literatur, wenn sie den Vorhang zur Seite zieht und ungeschönt auf die Existenz blickt. Der Mensch neigt dazu, sich sein Schicksal zu verklären. Ich habe mich bemüht über das ganze Buch hinweg den inneren Zensor auszuschalten und Mr. Happy einfach auf den Punkt raushauen zu lassen. Manchmal bitter, manchmal lustig aber immer brutal klar. Zum Beispiel: "Im Foltergefängnis S21 in Phnom Penh klebt noch das Blut am Boden der Zellen. Akribisch hatte man jeden ermordeten Insassen fotografiert. Sie glotzten zu hunderten von den Wänden. Einen Steinwurf entfernt von seiner ehemaligen Zelle saß auf dem Hof ein alter Mann. Er verkaufte Bücher, in denen er erzählt, wie er jahrelang in S21 überlebte, weil er seine eigene Scheiße gegessen hatte. Wer sein Buch kaufte, durfte ein Foto mit ihm machen."   

CHEXX Reisebeschreibungen sind ja immer wunderbar, unser Mr. Happy will seine Eindrücke den Klischeebildern gegenüberstellen. Warum?  

Marco Höne Ist doch nervig, wenn alle dasselbe schreiben. Und ehrlich ist es auch nicht. Wo Licht ist, da ist Schatten. Die übergroße Mehrzahl der Bücher, die sich mit Reisen beschäftigten zeigen das Licht, ich wollte mal ein Blick in die Schatten werfen. Sextourismus, Darktravel, McDonaldisierung - das spielt da alles eine Rolle, auch das ist Reisen.  

CHEXX Sie selbst sind viel gereist. Was haben Autor und Mr. Happy gemeinsam?  

Marco Höne Das unerschöpfliche Fernweh, das am Ende nie befriedigt wird. Die Hoffnung am anderen Ende der Welt liege eine Antwort, die ich in meiner Wohnung nicht finden kann. Wenn wir ins Flugzeug steigen, versuchen wir ja alle zu fliehen - vor unserem Alltag, den Ungenügsamkeiten. Aber das bescheuerte ist ja, dass wir uns selbst nicht zurücklassen können. Ich bin in Vietnam immer noch Marco Höne. Es gibt da kein neues Leben für mich.  

CHEXX Sie sind Jahrgang 1984. Im Buch heißt es "Wenn wir klug sind, streichen wir das Wort Zukunft aus unserer Gedankenwelt und versuchen, wie die Faultiere in den Tag hineinzuleben, bis wir bei einem Buschbrand von der Erde getilgt werden." Ist das der Blick der Generation Orwell auf die Welt?  

Marco Höne Ich bewundere "Fridays for Future" für ihren Idealismus. Aber sie treffen halt auf eine YOLO (You Only Lives Once) Welt. Da will niemand auf etwas verzichten. Man muss ja die Einzigartigkeit seines Lebens mit aller Gewalt auskosten. Get rich or die trying. Da haben Kinder der 80er und 90er sicher auch viel eingeimpft bekommen von. Auf jeden Fall sehe ich die Behäbigkeit, mit der wir unser Ende zur Kenntnis nehmen - richtig bockig teilweise. Ich finde, da sollte man sich dann auch ehrlich machen und eine neue "No Future" Bewegung starten, anstatt sich hinter faulen Ausreden zu verstecken. Mr. Happy ist diese konsequente Stimme, die im Diskurs bisher fehlt. Warum schickt ihr eure Kinder überhaupt noch zur Schule? Das widerspricht sich doch total. Kauf ihnen eine Flasche Korn, dass sie noch was haben von den letzten schönen Jahren. Das wäre ehrlich.  

CHEXX Musiktipps spielen eine wichtige Rolle und Sie schreiben u. a. von Marylin Manson und Tokio Hotel.  

Marco Höne Die Genannten hatten auf einzelnen Alben emotionale Verdichtungen, die ich spannend für die Entwicklung des Charakters fand. Marilyn Manson Album "Antichrist Superstar" verkörpert diesen jugendlichen Drang, sich mit der ganzen Welt anlegen zu wollen. Tokio Hotels "Dream Machine" steht hingegen dafür, die besten Jahre hinter sich zu haben und nur noch in Nostalgie zu schwelgen. Beide Alben eignen sich, um einer ganz eigene Stimmung nachzufühlen. Dass sie dann noch so widersprüchlich daherkommen, so wie der Mensch halt ist, rundet das ganze ab.  

CHEXX Ist Ihr Buch Dystopie oder Utopie?  

Marco Höne Ein bescheidener Versuch die Wirklichkeit zu erfassen. Die, die es lesen, müssen dann für sich entscheiden, wie sie es für sich interpretieren. Ich glaube, man kann da zu beiden Ergebnissen kommen.   

Marco Höne, Jahrgang 1984, geboren als Arbeiterkind, ist durch ein Taxifahrerstudium (Sozialwissenschaften) in die höhere Mittelschicht gestolpert - inklusive neuer Vorliebe für trockenen Rotwein und gutes Essen. Seine schriftstellerischer Erstling liegt in der Tradition von Charles Bukowski, Brad Easton Ellis und Michel Houllebecq und gehört zur Kategorie: Unbedingt lesen!

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