ISSN 2701-6757 | Magazin CHEXX am Dienstag, den 22. September 2020
Günter Rüdiger über seinen Kiez Wilmersdorf
Günter Rüdiger ist der Intendant und Künstlerische Leiter des Zimmertheaters in der Bornstraße in Berlin-Steglitz. Er wohnt seit vielen Jahren mit der Schauspielerin Tanja Arenberg in Wilmersdorf. Günter Rüdiger stellt Wilmersdorf vor. Es ist nicht der von 1920 bis 2000 selbständige Verwaltungsbezirk damit gemeint, sondern ausschließlich der Ortsteil Wilmersdorf. Zum Bezirk Wilmersdorf gehören ja auch die Ortsteile Halensee, Schmargendorf und Grunewald. Das alles sind heute Ortsteile im zum 1. Januar 2001 fusionierten Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, der insgesamt sieben Ortsteile beinhaltet. Im Ortsteil Wilmersdorf leben rund 102.000 Bewohner auf einer Fläche von knapp sieben Quadratkilometern. Somit kommen rund 14.500 Einwohner auf einen Quadratkilometer.

CHEXX Was verbinden Sie mit Wilmersdorf?

Günter Rüdiger Als Künstler fallen mir als Erstes natürlich die Kulturstätten in Wilmersdorf ein. Dazu zählen beispielsweise das "Haus der Berliner Festspiele", es ist ja auch Vorführungsort der Berlinale. Einen hohen Stellenwert für die Kultur haben auch das Kabarettzelt "Bar jeder Vernunft" und natürlich die "Schaubühne am Lehniner Platz". Dieses Haus genießt weit über die Grenzen Deutschlands hinaus einen ausgezeichneten Ruf und ist eines unserer best-platzausgelasteten Theater in Berlin. Aber auch die kleinen Theater wie das "Theater Jaro" am Breitenbachplatz gehören zur Kulturvielfalt Berlins. Wilmersdorf kommt auch in Stücken namentlich vor. Im Musical "Linie 1" von Volker Ludwig lautet ja eine Zeile über die Wilmersdorfer Witwen, die gerne und oft in der Konditorei Schwarzwälder Kirschtorte verzehren: "Ja, wir Wilmersdorfer Witwen verteidigen Berlin, sonst wär’ n wir längst schon russisch, chaotisch und grün." Eine für mich persönlich sehr wichtige kulturelle Einrichtung in Wilmersdorf darf bei der Aufzählung keinesfalls fehlen. Das "Theater Coupe" am Fehrbelliner Platz ist eng mit mir verbunden. Dort habe ich selbst oft gespielt und werde es hoffentlich bald wieder tun. Momentan ist dort das "Deutsch-Jüdische Theater (DJT)" beheimatet. Geht man vom Theater die Brienner Straße weiter hinauf, stößt man auf die älteste Moschee Deutschlands. Sie wurde 1924 eingeweiht. Schräg gegenüber der Moschee befindet sich ebenfalls in der Brienner Straße die Dänische Kirche. In unmittelbarer Nähe, nämlich am Hohenzollerndamm, steht die Kathedrale der Russisch-Orthodoxen Kirche. Also kann man sagen, hier geht es religiös gesehen, international zu. Zur Religion gehört ja auch immer das Abschiednehmen von geliebten Menschen. Gleich um die Ecke in der Berliner Straße befindet sich der Friedhof Wilmersdorf. Leider musste ich mich hier schon von vielen Kollegen verabschieden, zuletzt von dem Satiriker Lothar von Versen. Hier fanden aber u. a. auch der Bassist Robert Biberti, Sänger bei den unvergessenen "Comedian Harmonists" und der Komponist Leon Jessel ihre letzte Ruhestätte. Zu beiden gibt es persönliche Bezüge: Bob Biberti habe ich noch als letztes lebendes Mitglied der "Comedian Harmonists" persönlich kennengelernt und viele Lieder dieser ersten deutschen Boygroup habe ich im Repertoire, und Leon Jessels berühmte Operette "Schwarzwaldmädel" habe ich 2008 in Magdeburg inszeniert.

CHEXX Was macht Wilmersdorf noch so liebenswert?

Günter Rüdiger Einen ganz hohen Stellenwert hat für mich der Rüdesheimer Platz. Man findet dort und in unmittelbarer Nachbarschaft eine ausgezeichnete Gastronomie vor. Der Rüdesheimer Platz befindet sich im sogenannten Rheingauviertel, auch Rheinisches Viertel genannt. Dieser Platz wurde 2015 von der New York Times zu einem der schönsten Plätze Europas gekürt! Den ganzen Sommer über findet auf dem Platz der jährliche "Weinbrunnen" mit Verköstigung von Weinen aus dem Rheingau statt. Ebenfalls gleich am Rüdesheimer Platz befinden sich das alte Gasthaus "Landauer" und die Jazz- und Künstlerkneipe "Spinnrad", in denen man mich nach meinen Theatervorstellungen im benachbarten Zimmertheater Steglitz oft antrifft. Bei Verköstigung kann ich Ihnen noch gerne einen Tipp geben, besonders am Sonntag. Da lautet oft mein Motto: Stöbern und Speisen in der Natur.“

CHEXX Bitte immer "Her damit!" - wir sind für solche Tipps sehr dankbar.

Günter Rüdiger Im Preußenpark, direkt am Fehrbelliner Platz, befindet sich nicht nur irgendein Erholungspark. Im Volksmund heißt er auch Thaipark. Ein buntes Treiben findet an allen Tagen dort statt. Saisonale Imbissstände bieten Spezialitäten aus Thailand an. Sonntags zudem findet auf dem Parkplatz ein Flohmarkt statt. Sie glauben es gar nicht, wie viele Bücher und Schellackplatten ich dort schon erworben habe, manchmal komme ich schwerbepackt mit diesen Schätzen vom Flohmarkt nach Hause.

CHEXX Wo lassen Sie in Wilmersdorf die Seele baumeln?

Günter Rüdiger Das hängt von den Jahreszeiten ab. Im Sommer gehe ich gerne, wenn es meine knappe Freizeit zulässt, ins Lochowbad, obwohl es offiziell Sommerbad Wilmersdorf heißt. Die Wilmersdorfer, gerade die Generation 50 Plus, sagen immer noch Lochowbad. Einst lag es am Lochowdamm, den man Ende der 60er Jahre in Fritz-Wildung-Straße umbenannt hatte. Im Winter zieht es mich ins Horst-Dohm-Eisstadion. Das Schlittschuhlaufen jedoch überlasse ich gerne meiner Tochter. Ich bin Fan des Eisspeeds. Als Zuschauer habe ich hier rasante Fahrten auf dem Eis erleben dürfen. In Wilmersdorf wird die beste Mannschaft der Welt ermittelt und man sieht regelrechte Akrobatik per Moped oder Motorrad auf dem Eis. Sie merken also, mein Kiez Wilmersdorf ist etwas ganz besonders und ich bin regelrecht verliebt in diesen, meinen Kiez.

Bei Magazin CHEXX.de verwenden wir Cookies und andere Technologien. Durch Anklicken des Buttons Akzeptieren stimmen Sie der Verwendung zu. Ausführliche Informationen hierzu finden Sie unter Datenschutzerklärung.