Magazin CHEXX am Dienstag, den 25. Juni 2019
Die queerpolitische Moby Dick
An der Greenwichpromenade in Tegel befindet sich der Heimathafen des Passagierschiffes Moby Dick. Es wurde 1972 erbaut. Zu dieser Zeit hatte in Westdeutschland der Paragraph 175 noch Bestand. Seit 1872 stellte der Paragraph 175 sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. Die Moby Dick feierte ihren 1. Geburtstag, als es 1973 zu einer erneuten Reform des Paragraphen 175 gekommen ist. Sexuelle Handlungen mit männlichen Jugendlichen unter 18 Jahren waren ab 1973 nur noch strafbar; das Schutzalter bei lesbischen und heterosexuellen Handlungen lag bei 14 Jahren. Vier Jahre nach der Wiedervereinigung wurde der Paragraph 175 ersatzlos aufgehoben. In der Nazizeit steckten die braunen Machthaber viele Homosexuelle ins KZ. Sie mussten einen "Rosa Winkel" als erkennbares Zeichen ihrer Homosexualität tragen. Tausende KZ-Insassen überlebten die menschenverachtenden Lebensverhältnisse nicht oder sie wurden systematisch in den Gastod geschickt. Widerwärtige Schreihälse am Stammtisch bezeichnen heute Homosexuelle noch als "175 er" in Anspielung auf den Paragrafen 175 und bezeichnen den 17. Mai, also den 17.5, als "Schwulentag". Heute finden am 17. Mai Aktionen zum "Internationalen Tag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie" statt. Am 17. Mai fand gemeinsam mit SPD, Grünen, FDP und Die Linke eine abendliche queerpolitische Dampferfahrt mit der Moby Dick auf dem Tegeler See statt. Zu den Teilnehmern zählten unter anderem die Bundestagsabgeordneten Lisa Paus (Grüne) und Dr. Karl-Heinz Brunner (SPD). Die Berliner Staatssekretärin für Verbraucherschutz und Antidiskriminierung, Margit Gottstein (Grüne) war ebenso an Bord wie Bernd Schlömer (FDP). Er gehört dem Berliner Abgeordnetenhaus an. An Bord traf man auch Harald Petzold, Sprecher der LAG Queer Berlin-Brandenburg, Vorsitzender DIE Linke Falkensee, an. Von 2013 bis 2017 gehörte er dem Deutschen Bundestag an und von 1990 bis 1999 dem Brandenburger Landtag. Die Reinickendorfer BVV-Vorsteherin Kerstin Köppen (CDU) war auch Gast auf der Moby Dick. Die Moderation hatte Jörg Steinert, Geschäftsführer beim LSVD Berlin/Brandenburg, inne. Gleich zu Beginn der Diskussionsrunde teilte er mit, dass "gewählte Datum 17. Mai habe zufällig noch der Veranstaltung sehr gut in die Karten gespielt." Am Mittag hatte der Bundesrat beschlossen, dass die Konversionstherapie oder auch "Reparativtherapie" nicht mehr als Bestandteil einer "Heilung von Krankheiten" von Heilern wie Ärzten oder Heilpraktikern gestattet werden soll. Behandler, die weiterhin Homosexualität als Krankheit ansehen und behandeln wollen, können demnächst sogar ihre Zulassung verlieren. Der SPD-Volksvertreter Dr. Brunner hatte für die wenigen Behandler in Deutschland, die diese "Therapien" bei homosexuellen Menschen immer noch zum Einsatz bringen wollen, nur diese Aussage übrig: "Es sind Spinner!" Einen Blick in die jüngere Geschichte teilte der anwesende Mario Röllig mit. Die "ehemalige DDR war auch kein Paradies für homosexuelle Menschen! In den Gefängnissen der DDR saßen auch zahlreiche Homosexuelle ein." Darauf wies er als Betroffener hin. Er saß in der DDR im Gefängnis ein. Heute ist er ehrenamtlich als Landesvorsitzender des Berliner LSU, der Lesben- und Schwulen in der CDU, tätig. Staatssekretärin Gottstein sagte: "Die Öffnung zur "Ehe für Alle" war gesellschaftspolitisch sehr wichtig. Für Regenbogenfamilien müssen wir noch sehr viel tun. Bei Adoptionen sind Regenbogenfamilien immer noch benachteiligt."

Dass es immer noch viel zu tun gibt, um Homosexuelle aus dem Bereich der Diskriminierung heraus zu holen, teilte Harald Petzold mit. Nach seinem Ausscheiden aus dem Deutschen Bundestag ist er wieder im Bundesland Brandenburg als Lehrer tätig. "Es gilt, als Lehrer mit Schülern und Eltern ins Gespräch zu kommen. Zum Schulalltag gehört auch dazu, auf Diversität hinzuweisen." Der Liberale Schlömer teilte Lob und Tadel an die Rot-Rot-Grüne Landesregierung aus. "Wenn ich Landtagsabgeordnete aus anderen Bundesländern treffe, schauen die immer neidisch nach Berlin, was hier alles möglich ist beim Thema Homosexualität." Erinnert sei nur an den CSD-Umzug in der Bundeshauptstadt, dem größten in Deutschland. Allerdings "hinkt die Berliner Verwaltung in einigen Bereichen noch nach. Da wollen wir aus der FDP-Fraktion heraus Rot-Rot-Grün fordern." Als Beispiel nannte er die Bundeswehr. "Da hat man bereits eine Umfrage durchgeführt" zu der Thematik Gender und Homosexualität. Der Dienstherr Bundeswehr duldet in seinen Reihen natürlich keine Diskriminierung aufgrund der sexuellen Ausrichtung der Soldaten und zivilen Mitarbeiter und möchte mit fundierten, anonym erhobenen Zahlen und Daten feststellen, wo es eventuell "noch klemmt.

Die Berliner Verwaltung hat bisher für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Vorgehen der Bundeswehr noch nicht ins Auge gefasst." Das Parteien und Fraktionen zusammen für Verbesserungen von Homosexuellen im Einsatz sein können, belegte der Linke Harald Petzold. "Niemals hatte ich 2013, als ich im Bundestag saß, daran gedacht, dass ausgerechnet mich die CSU unterstützen wird." Die damalige CSU-Bundestagsabgeordnete Gudrun Zöllner unterstützte als erste Abgeordnete den Vorschlag von Petzold, die Situation für Homosexuelle zu verbessern. "Später kamen CDU-Politiker wie Stefan Kaufmann hinzu. Gemeinsam haben wir für LGBT viel erreicht, sind aber lange noch nicht am Ziel." Dem stimmte Dr. Brunner uneingeschränkt zu. "Wir müssen in die Hände spucken und anpacken. Denn es gibt wirklich noch viel zu tun." Bei vielen Anwesenden kam Unverständnis über die Fraktionen der CDU und AfD in der Bezirksversammlung Reinickendorf auf. Diese beiden Fraktionen hatten mit ihren Stimmen verhindert, dass die Regenbogenfahne am Rathaus gehisst werden kann. BVV-Vorsteherin Kerstin Köppen hatte ein Trostpflaster parat. "Reinickendorf ist der einzige Berliner Bezirk, mit einer queerpolitischen Dampferfahrt." Einig waren sich alle Vertreter, egal welcher Partei sie angehören, dass Veranstaltungen dieser Art sehr hilfreich sind, um erstens mehr Akzeptanz in der breiten Bevölkerung für LGBT-Themen zu erreichen. Zweitens wird dargelegt, wo genau es mit den gleichen Rechten für Alle noch nicht zum Besten bestellt ist. Daher ist für 2020 die 3. queerpolitische Dampferfahrt auf dem Tegeler See geplant. Ein Teilnehmer sagte: "Dann haben wir auch eine Regenbogenflagge am Reinickendorfer Rathaus gehisst."