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Touristen entdecken in Oberbayern authentisches Leben
Die Bäuerin Roswitha Estermann krault den Kopf von Fanny, die das offensichtlich gern hat. Fanny ist eine der 20 Milchkühe, die im Stall gleich neben ihrem Bauernhaus stehen. Ihr Ehemann Konrad schiebt den Tieren mit der Forke Futter an die Gatter, Heu aus alter Ernte. "Die Tiere spüren mit dem Frühlingswetter, dass es bald hinaus auf die Alm geht", erzählt die Bäuerin. "Da oben haben sie dann ihr Paradies auf Erden".

Foto von Ronald Keusch, Mai 2016

Ihr Bauernhof besteht seit knapp 300 Jahren (1730) und liegt mitten in dem kleinen Dörfchen Grainbach. Es gehört zu mehreren Dutzend kleiner Gemeindeorte rund um den Samerberg in Oberbayern. Samerberg ist eine ländliche Vorgebirgsregion und hat sich schon seit jeher auch dem Tourismus verschrieben. Der größte Berg und gleichzeitig das beliebteste Wanderziel am Samerberg ist die 1569 m hohe Hochries. Auf ihr gibt es ausgebaute Spazier- und Wanderwege und einige bewirtschaftete Hütten. Der Berggipfel kann auch über einen Sessellift und eine Seilbahn erreicht werden. Eine Landschaft für einen entspannten, ländlich authentischen Urlaub. Attraktive Quartiere sind für die Urlauber die traditionsreichen Bauernhöfe. Insgesamt 19 von ihnen sowie zwei im Familienbetrieb geführte Hotels haben sich zu Wanderhöfen zusammen geschlossen. Sie kämpfen darum, ihre Jahrhunderte alten Familienbetriebe zu erhalten. Allein mit ihrer Landwirtschaft können die Bauernfamilien auf dem kargen Boden im Vorgebirge und mit ruinösen Erzeugerpreisen für Milch- und Fleisch nicht überleben. Seit vielen Jahrzehnten ist es zu einer guten Tradition geworden, in ihren meist geräumigen altehrwürdigen Bauernhäusern an die Urlauber schick und modern ausgebaute Ferienwohnungen und Zimmer zu vermieten.

Wir sind kein Landhotel mit Streichelzoo

Foto von Ronald Keusch, Mai 2016

Foto von Ronald Keusch, Mai 2016

Doch es gibt ein Problem. Die Bauern können keinen Wettlauf um mehr Sterne und Service für die Gäste mit solchen Quartieren aufnehmen, die keine Landwirtschaft betreiben. "Wir sind kein Landhotel mit Hotelküche und einem Streichelzoo", bekräftigt Klara Wieshölzer vom Moserhof. "Natürlich freuen wir uns über die persönlichen Kontakte zu unseren Gästen auf dem Hof und nehmen uns gern die Zeit für einen 'Ratsch' (ungezwungene Unterhaltung) zwischendurch. Aber wir müssen uns um unsere Kühe und Kälber kümmern." Und Roswitha Estermann ergänzt: "Die Urlauber, die zu uns kommen, akzeptieren, dass wir Zeit für die Tiere brauchen. Hier bei uns bekommen sie das wirkliche Leben auf dem Dorf mit." Ein Horror wäre für die Frauen, wenn zukünftig die Urlauber Kurse belegen müssten, um zu erfahren, dass die Kuh nicht lila angestrichen ist und wie es früher einmal auf dem Lande aussah. Ihre einhellige Meinung: "Das wollen wir nicht. Wir möchten uns nicht aufgeben."

Exklusiv: Wanderrouten vom Bauernhof

Foto von Ronald Keusch, Mai 2016

Mit ihren Wanderhöfen, die sie gemeinsam im Internet auf einer Wanderhof-Seite vermarkten, wollen sie gegensteuern. Sie bieten als Service Wanderrouten, deren Ausgangspunkt das jeweilige Quartier im Wanderhof ist. Sie verleihen auch Wanderstöcke und selbst einen Rucksack können die Gäste bei Bedarf erhalten. "Leider können wir Gastgeber nur ganz selten einmal die Urlauber beim Wandern begleiten", bedauert Roswitha. "Aber unsere Gäste wissen, dass wir auf unseren Höfen täglich lange und hart arbeiten, damit die Kuh noch Kuh sein darf. Sie können nicht nur auf der Alm, sondern ganz natürlich in unseren Stall zur Fanny gehen und ihr den Kopf kraulen. Sie mag das." Übrigens haben Roswitha Estermann und die anderen Bäuerinnen der Wanderhöfe noch eine Empfehlung. Die bayrischen Bergbauernprodukte wie aus der Privatkäserei "Bergader", in dem auch die Milch ihrer Kühe verarbeitet ist, sollte jeder in seinem Einkaufcenter zu Hause kaufen und testen. Noch besser schmeckt er allerdings vor Ort beim Besuch ihrer Wanderhöfe.

Identität durch bayrische Schmankerl

Foto von Ronald Keusch, Mai 2016

Ihr kleines Dörfchen Grainbach mit etwa 500 Einwohnern hat sich nicht allein mit seinen Bauernhöfen, sondern auch mit Gasthäusern heimatliche Identität bewahren können. Während anderswo Dorfgemeinschaften längst ihre einzige Dorfkneipe zu Grabe tragen mussten, gibt es im Ort noch insgesamt drei (!) Gasthöfe. Da ist das Dorfwirtshaus "Alpenrose" am Kirchplatz mit saisonaler Küche, gepflegtem Restaurant und lauschigem Biergarten, bewirtschaftet von drei Generationen einer Familie. Dann der Gasthof Moser, ein bodenständiges Wirtshaus mit einem Biergarten unter Bäumen sowie das Hotel "Zur Post" mit Restaurant. Auch die nur wenige Kilometer entfernt liegenden Nachbardörfer wie Törwang mit dem legendären "Entenwirt" sind gut mit Gaststätten bestückt Hier steht ausschließlich bayrische Küche auf der Speisekarte. Und niemand vermisst Frühlingsrollen, asiatische Nudelsuppe oder Döner Kebab und wird sie hier auch nicht finden. Bayrische Schmankerl stehen unverrückbar auf den Speisekarten: Leberspätzle-Suppe, ofenfrischer Schweinebraten, Söchtenauer Lachsforellen-Filet und zarter Kalbstafelspitz und Meiserl (Rindfleisch). Scheinbar haben es nur die Pute "Hawai" und der Schwaben-Teller geschafft, sich in die bayrische Topf- und Pfannen-Dominanz einzuschmuggeln. Wer lässt sich da nicht mit Genuss von der bayrischen Identität überzeugen.

Steckenpferd: Theaterstücke schreiben

Foto von Ronald Keusch, Mai 2016

Für Identität und Tradition ganz anderer Art sorgt im Dorf Grainbach der 55jährige Peter Wiesholzer. Er schreibt Theater-Stücke, ist Regisseur der Aufführung und übernimmt eine der Hauptrollen. "Schon immer war es mein Steckenpferd, kleine Theaterstücke zu verfassen", erzählt Wiesholzer. "Und beim Schreiben habe ich dann bereits die Mitspieler vor Augen, die die Rolle im Stück übernehmen." Die Akteure kommen alle aus dem Dorf.

Ureigenes Leben auf die Bühne bringen

Die Titel kündigen meist schon an, dass die Theaterstücke sehr reale Themen der dörflichen Gemeinden behandeln. In dem Stück "Die Energieblende" wird satirisch der flächendeckende Einsatz von Photovoltaik beleuchtet, mit der sich der Bürgermeister ein Denkmal setzen will. Und in dem Stück "Der Aufschwung" behandelt Wiesholzer das durchaus brisante Thema eines Hotelneubaus. Darin wird die Suche nach Investoren und der Streit um den lukrativen Standort (welcher Bauer verkauft nicht gern seinen Acker als teures Bauland) zum großen Gaudi des Publikums, zumal auch noch ein Öl-Scheich erscheint. "Die Premieren finden in der Regel am zweiten Weihnachtsfeiertag statt, dann haben alle Zeit", resümiert Wiesholzer.

Die Grainbacher verteidigen ihre Identität

Seine Sympathie mit der Tradition des offiziellen Bauerntheaters ist nur gering. Wiesholzer mag keine Volksstücke, wo "jedermann nach dem ersten Akt weiß, wie der dritte Akt endet", dafür ist der Stücke-Autor nicht zu haben. Gespielt werde meist sieben Mal bis in die ersten Januartage und die Karten sind immer schnell ausverkauft. Auch mit diesen Aufführungen wird vom Bauerntheater das authentische Leben verteidigt, wenn die Bewohner ihre ureigenen Probleme auf die Bühne des Dorf-Theaters bringen. Organisiert wird alles vom Trachtenverein der Region GTEV Hochries Samerberg und der Veranstaltungssaal befindet sich im Gasthaus Moserhof mitten im Dorf.

Die Aussichtskapelle - Symbol für Tourismus

Foto von Ronald Keusch, Mai 2016

Die Aussichtskapelle zwischen Törwang und Obereck ist für Bürgermeister Georg Huber ein Symbol für einen Tourismus rund um den Samerberg, der in das Lebensgefühl der Einwohner eingebettet ist. Von einer Höhe von nur 760 Metern genießt der Besucher eine herrliche Aussicht in die Samerberger Hochebene und hinaus ins freie Land. In der Kapelle wird gebetet, geheiratet, auf der Höhe fotografieren Urlauber um die Wette, treffen sich Liebespaare und auch mal Motorrad-Fans.

Foto von Ronald Keusch, Mai 2016

Schließlich vergisst der Bürgermeister als unermüdlicher Urlauber-Werber für den Samerberg nicht, darauf hinzuweisen: Der Samerberg ist zwar in erster Linie der richtige Platz für alle Ruhe und Erholung Suchende, allerdings sind die Samerberger auch fünf Autominuten von der Salzburger, zehn Autominuten von der Inntalautobahn und sogar nur ein Dutzend Kilometer vom Chiemsee entfernt.

Weitere Informationen findet am unter samerberg.de und www.trachtenverein-grainbach.de

Text und Fotos von Ronald Keusch

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