Magazin CHEXX am Montag, den 09. Dezember 2019
Die königliche Stadt
Impressionen aus der zweitgrößten Stadt Polens Krakau. Sie zählt zu den ältesten und größten Städten in Polen und für viele ist sie die Schönste im Land - die Stadt Krakau, deren Name von dem legendären König Krak vom Stamm der Wislanen stammt. Krakau hat sich viele Ehrentitel verdient, als Wiege der polnischen Kultur und des polnischen Staates und als ein Wissenschafts- und Kulturzentrum mit tausendjähriger Geschichte, war einmal selbst Hauptstadt von Polen und Sitz der Könige. Die Stadt besitzt ein einzigartiges Klima, in der sich Geschichte, Tradition und Gegenwart miteinander verbinden. Für die Besucher aus aller Welt bietet Krakau eine Fülle von Sehenswertem. Doch die absoluten Höhepunkte, so die nahezu einheitliche Meinung von Reiseveranstaltern wie Tourismus-Journalisten, sind die drei außerordentlichen Sehenswürdigkeiten: Das Gebäudeensemble des Wawel, die historische Altstadt und als ihr Bestandteil der Marktplatz mit den Tuchhallen.

Foto von Ronald Keusch, Januar 2019

Der Wawel-Hügel

Foto von Ronald Keusch, Januar 2019

Auf einem Hügel nahe der Altstadt thront der Wawel, eines der unübersehbaren Wahrzeichen von Krakau. Zunächst war der Wawel-Hügel ein sicherer Ort für die Menschen. Im 13. Jahrhundert entwickelte sich die Stadt, wurde Hauptsitz der Könige und zur polnischen Hauptstadt erhoben. Es ist deshalb weit mehr als eine historische Sehenswürdigkeit und wird von den Polen als ein verehrtes Symbol ihres Staates und ihrer Geschichte betrachtet. Dementsprechend bilden nicht nur Touristen aus aller Welt, sondern auch nicht wenige Einheimische lange Schlangen an den Eingängen zurt Kathedrale und zum Schloss.

Foto von Ronald Keusch, Januar 2019

Ein tausendjähriges Bau-Ensemble

Foto von Ronald Keusch, Januar 2019

Der Wawel stellt ein großen Bauensemble von tausend Jahren Kunst und Architektur dar, in dessen Mittelpunkt das Schloss steht. Schon der Eintritt in den Schlosshof mit seiner hellen Pflasterung und den umlaufenden Arkaden ist höchst eindrucksvoll. Das heutige zweigeschossige Schloss ist Stil der Renaissance und des Barocks gebaut und trägt außerdem noch Elemente des Klassizismus. Der Gang durch die repräsentativen Königsgemächer ist ein Streifzug durch Zimmer und Säle, in denen Abgesandte empfangen, Senatssitzungen gehalten und höfische Bälle und Hochzeiten gefeiert wurden. Besonders beeindruckend sind die riesigen flämischen Gobelins, die König Sigismund August im 16. Jahrhundert bestellte und von denen heute immerhin noch 136 zu bestaunen sind. Die längste Warte-Schlange der Besucher ist vor der aus Backstein und weißem Kalkstein gebauten Wawel-Kathedrale, die auf eine tausendjährige Geschichte zurückblickt. "Derjenige, der die Wawel-Kathedrale besucht, muss der Geschichte der Nation ins Gesicht blicken". So die Worte von Papst Johannes Paul II. Das Denkmal von Karol Jozef Wojtyla steht gleich neben der Eingangspforte.

Der größte mittelalterliche Marktplatz Europas

Foto von Ronald Keusch, Januar 2019

Zu den schönsten Sehenswürdigkeiten Krakaus gehört die historische Altstadt Stare Miasto. Scheinbar nahezu alle Straßen und Gassen führen wie die Strahlen der Sonne zu ihrem Mittelpunkt, dem großen Marktplatz Rynek Glowny. Mit seiner wahrlich beeindruckenden Größe von rund 200 mal 200 Metern nimmt er die Spitzenposition mittelalterlicher Plätze in Europa ein. Umrandet ist der Krakauer Marktplatz von herausgeputzten Häusern mit zahlreichen Restaurants, Cafes und Hotels. In der südwestlichen Ecke des Marktplatzes erhebt sich der 70 Meter hohe Rathausturm aus dem 14. Jahrhundert. Er ist ein Überbleibsel des früheren gotischen Rathauses. Wer auf den Turm des Rathauses steigt, dem eröffnet sich ein Blick auf das Panorama der Altstadt. Stimmungsvoll ist der ab Dezember aufgebaute traditionelle Weihnachtsmarkt, der sogar noch einige Tage nach Silvester geöffnet ist. Auch durch die Kulisse des Großen Marktes verbreiten die Verkaufsstände mit Handwerkskunst ein wenig von dem Feeling uralter Weihnachtsmärkte. Dazu tragen auch die Stände mit zahlreichen Köstlichkeiten bei, Altbekanntes aus Deutschland wie gebrannte Nüsse und Lebkuchen, aber auch jede Menge polnische Spezialitäten. Da schmeckt die Rote-Bete-Suppe Barszcz oder der polnische Kraut-Eintopf Bigos, angereichert mit ein paar Schneeflocken und als Beilage der unumgänglich große Brotkanten, noch besser als im Restaurant. Und zum Abschluss Oscypki Pyzdra, den geräucherten polnischen Ziegenkäse traditionell mit Preiselbeeren.

Das bekannteste Wahrzeichen: die Tuchhallen

Foto von Ronald Keusch, Januar 2019

In der Mitte des großen Marktplatzes strecken sich die Tuchhallen aus, das wohl bekannteste und für die meisten sofort erkennbare Wahrzeichen von Krakau. Diese Tuchhallen sind das älteste Handelszentrum der Stadt. Sie wurden nach einem Umbau im 16. Jahrhundert im wunderschönen Renaissance-Stil errichtet. Bei einem Spaziergang in den Arkaden kann man die bemerkenswerten Maskaronenköpfe bestaunen, die die wunderbare lange Attika krönen. Die Maskaronen sind von Santi Gucci entworfene geschnitzte Köpfe damaliger Kaufleute. Die Längsseiten der Tuchhallen erhielten im späteren Umbau neugotische Arkaden. Hier wird schon seit langem nicht mehr mit Tuchen und Stoffen gehandelt, sondern jetzt sind hier Souvenir-Geschäfte und Kunsthandwerk untergebracht und der Besucher kann Bernsteinschmuck in allen Größen und Formen aus der Krakauer Region bewundern. Ebenfalls sind hier Restaurants mit polnischen Spezialitäten zu finden. Und auch das berühmte Cafe Noworolski ist hier beheimatet mit Kristall-Lüstern und gepolsterten Sofas und Stühlen aus Habsburger Zeiten.

Kunst-Galerie der "polnischen Seele"

Der große Marktplatz kann auch mit einem einmaliges Kunsterlebnis aufwarten. In der ersten Etage der Tuchhallen ist in mehreren Sälen die Galerie der polnischen Kunst eingerichtet. Die Ausstellung gilt als eine der größten und bedeutendsten Sammlungen polnischen Kunst des 19. Jahrhunderts. Sie vereint die Arbeiten polnischer Künstler, die in Polen und in der Emigration entstanden. Die Gemälde und Skulpturen zeugen von ihrem Streben nach Unabhängigkeit und davon, dass sie sich in der Periode der polnischen Teilung nie mit dem Verlust des Vaterlandes abfinden wollten. Da galoppieren im besten polnischen Naturalismus vier rassige Pferde gezügelt von einer Hand eines jungen Burschen mit einem Bauernfiaker auf den Betrachter zu (Jozef Chelmonski, Czworka). Da entwirft der Maler Jan Matejko ein pompöses historisches Gemälde "Hold pruski" über den Kniefall eines Hochmeisters des deutschen Ordens vor dem polnischen König im Jahr 1525. Und da schlagen sich bei Pjotr Michalowski polnische Kavalleristen tapfer für Napoleon im Spanienkrieg. Vielleicht noch deutlicher als auf dem stolzen mittelalterlichen Marktplatz ist hier ein Stück der "polnischen Seele" zu entdecken.

Foto von Ronald Keusch, Januar 2019

Piroggen und Königliche Speisen

Überall rund um den Marktplatz ist das kulinarische Krakau zu entdecken. In der Slakowska Straße, einer der scheinbar unzähligen Straßen und Gassen vom und zum Alten Markt hat der kleine Laden-Imbiss "Przypiecek" sein zu Hause. So schwierig der Name für deutsche Zungen auszusprechen ist, so einfach präsentiert sich das Konzept in dem schmalen Raum mit sechs Tischen nebst Stühlen und einer Verkaufs-Theke. Hier dreht sich alles nur um Piroggen (pirogi). Die Qual der Wahl ist nur die Füllung, mit Käse oder Fleisch, mit Brokkoli oder Spinat, mit Pflaumen, Nüssen, Pilzen, Quark und dazu obligatorisch ein Klecks saure Sahne. Zwar kann man nicht mehr einer Oma beim Teig rollen und schneiden zusehen, wie ein Krakau-Reiseführer (Meridian live: Krakau, 1. Auflage 2018) angekündigt hat, aber die Piroggen, die junge Leute in der hinteren Küche zubereiten, schmecken auch so hervorragend.

Foto von Ronald Keusch, Januar 2019

Foto von Ronald Keusch, Januar 2019

Die Krönung der 650 Jahre alten Traditionen der Restaurant-Künste in der Handelsstadt Krakau liegt sogar direkt am großen Marktplatz mit Blick auf die Tuchhallen und den stolz sich erhebenden Rathausturm. Das ist der legendäre edle Speise-Tempel "Wierzynek". Seine Berühmtheit verdiente sich das Speisehaus im Jahr 1364, als es dem reichen Kaufmann Mikolaj Wierzynek (deutsch Wirsing) gelang, einige Monarchen aus Europa mehrere Tage als Gäste zu bewirten. Es kamen damals auf Einladung des polnischen Königs Kasimir III. des Großen in die damalige Hauptstadt Polens ein Kaiser, einige Könige sowie zahlreiche europäische Prinzen. Auch noch heute ist das königliche Ambiente mit prachtvollen Wandteppichen, glitzernden Kronleuchtern und imposanten Kassettendecken ein Erlebnis. Ein pompösen Gemälde über dieses königliche Festmahl aus dem Jahr 1876 von Bronislaw Abramovicz ist in einem der sieben Räume zum Bestaunen aufgehängt. Nicht unerwähnt sollte die heutige Speisekarte bleiben, die mit Gourmet-Preisen überhäufte Gerichte anbietet - mit traditionellen polnischen Aromen, präsentiert mit einer modernen Note - natürlich zu fürstlichen Preisen. "Es war definitiv das beste kulinarische Erlebnis, das ich je in Polen erlebt habe", lautet eine Eintragung im Gästebuch. Angesichts solcher hymnischen Urteile ist hier die Reservierung von Plätzen notwendige Pflicht.

Hauskonzerte mit Musik von Chopin

Foto von Ronald Keusch, Januar 2019

Zu einem Besuch der Stadt Krakau gehört zu jeder Jahreszeit eine Begegnung mit der Musik von Frédéric Chopin. Jeden Abend finden in mehreren Konzerträumen Chopin-Konzerte statt. So zum Beispiel in der historischen Chopin-Galerie in der Slawkowska Straße nahe vom Marktplatz, einem zur Musikakademie gehörenden Saal. Mit nur etwa achtzig Plätzen für die Besucher gelingt es den hier auftretenden preisgekrönten jungen Pianisten, auch angesichts der Bilder über Chopins Leben an den Wänden eine nahezu intime Atmosphäre eines früher üblichen Hauskonzerts im 19. Jahrhundert zu schaffen. Nach wie vor gilt Chopin bei seinen Landsleuten als größter Komponist Polens. Doch seine Polonaisen, Mazurkas und Walzer, die das Gefühl der Sehnsucht nach seiner Heimat prägen, verzaubern gleichermaßen das Publikum aus aller Welt.

Jazz und Blues rund um den Marktplatz

Eine unbedingte Ergänzung zur klassischen Musik sind die Lokale mit moderner Live-Musik. Gleich an der Nordseite des großen Marktplatzes befindet sich der Jazz-Club Piano Rouge. Tief in den Kellergewölben sind die Jazz-Klassiker zu Hause, die mit dunkler Stimme so manchen Evergreen auflegen "You are the sunshine of my life." Gleich um die Ecke befindet sich "Harris Piano Jazz Bar", an dessen Eingang in den Jazzkeller die Figur eines farbiger Jazz-Musikers die Gäste begrüßt. Ein knappes Dutzend Jazz- und Blues-Lokale gibt es, viele mit live Musik und leicht erreichbar in der Altstadt. Hier treffen sich die Klavierkonzerte Chopins und der Jazzsound von Miles Davis. Das sagt sehr viel über das Lebensgefühl der Bewohner von Krakau wie auch ihrer Besucher.

Das "Quartier Latin" in Krakau

Foto von Ronald Keusch, Januar 2019

Nur 15 Gehminuten vom Zentrum Krakaus mit dem großen Markt entfernt, liegt der Stadtteil Kasimierz. Ein eleganter Weg in den Stadtteil führt auf die 2010 erbaute 130 Meter lange Fußgänger-Brücke über die Weichsel. An den Stahlseilen dieser Brücke balancieren spektakulär in einer Installation des Künstlers Jerzy Kedziora ein Dutzend Skulpturen, die akrobatisch mit Bällen und Stangen jonglieren. Sie signalisieren dem Besucher die Ankunft in einem Viertel, das früher eine selbständige jüdische Stadt war, später in Krakau eingemeindet wurde und sich heute in einen attraktiven Platz für Künstler verwandelt hat. Hier haben sich in den letzten Jahrzehnten Ateliers und Galerien und scheinbar unzählige Cafès und Clubs eingerichtet. Sie bilden eine Einheit mit jüdischen Museen und mit den sieben Synagogen. Dazu zählt die Tempel-Synagoge erbaut im Jahr 1860 im Stil der Neo-Romantik mit Elementen der Renaissance.

Foto von Ronald Keusch, Januar 2019

Ein wesentliches Element von Kasimierz sind eine Reihe traditionsbewusster jüdischer Restaurants wie das "Ariel", das auch die begehrten Klezmer Musikabende veranstaltet. Der Boheme-Charakter des Viertels zeigt sich ebenfalls in mancher Gemälde-Kunst an großen fensterlosen Häuserfronten. Kasimierz biete heute eine Melange an jüdisch-polnischer Kultur, die auch bei Regenschirmwetter viele Besucher anzieht. Es ist ein Ort, den viele Touristen besuchen, denn er zeigt, wie sich Vergangenes aus der Geschichte Polens und Gegenwärtiges aus der Neuzeit des modernen Krakaus miteinander verbindet.

Foto von Ronald Keusch, Januar 2019

Text und Fotos von Ronald Keusch