Magazin CHEXX am Mittwoch, den 16. Oktober 2019
Eine Reise zur Moderne rund ums Bauhaus
Viele Regionen locken ihre Touristen mit historischer wie moderner Architektur, von Oslo mit seinen Holzhäusern oder Rom mit seinen Antiken und modernen Design-Gebäuden bis Napier auf Neuseeland mit seinen Art-deco Bauten. Ein hundertjähriges Jubiläum erinnert daran, dass in Sachsen-Anhalt nur eine Autostunde südlich von Berlin ein wahrer Schatz von Architektur und Design liegt - das Bauhaus. Im Jahr 1919 von Walter Gropius gegründet, 1925 nach Dessau umgezogen und 1933 in Berlin geschlossen, bestand die Hochschule nur ganze 14 Jahre lang. Dennoch wirkt das Bauhaus bis in die Gegenwart fort und hat schier unendlich viele sehenswerte und spannende Arbeiten hinterlassen. Für die deutschen Nachfahren wie auch Touristen aus aller Welt.

Dessau ist die eigentliche Hauptstadt von Bauhaus

Zur Hauptstadt vom Bauhaus avancierte die Stadt Dessau. Sie war damals der Inbegriff einer aufkommenden Industriestadt mit dem Beginn der Flugzeugbaus durch den deutschen Unternehmer, Erfinder und Konstrukteur Hugo Junkers. Dafür wurde Wohnraum gebraucht und es bot sich eine neue Einheit von Kunst und Technik an. Hier nun hat die Hochschule zwischen 1925 und 1932 ihre Blütezeit erlebt mit den noch heute klangvollen Namen der drei Direktoren Walter Gropius, Hannes Meyer und Mies von der Rohe.

Ronald Keusch für Magazin CHEXX.de

Das 1926 eröffnete Bauhausgebäude gilt mit seiner Struktur als das Schlüsselwerk der europäischen Moderne. Es präsentierte das Credo der Kunsthochschule, Leben, Handwerk und Kunst miteinander zu verbinden und ist für den heutigen Besucher noch beeindruckend. Das Gebäude ist in drei flügelförmig angeordnete Trakte gegliedert. Darin sind die gewerbliche Berufsschule, dann Atelierzimmer für die Studenten und Jungmeister und schließlich die Werkstätten untergebracht. Besonders Furore machte das Ateliergebäude, das aus kleinen Einzelzimmern bestand und mit Stahlrohrmöbeln hochmodern und komfortabel eingerichtet wurde.

"Im Durchschnitt kommen 100.000 Besucher jährlich zum Bauhaus nach Dessau", sagt Dr. Florian Straub von der Stiftung Bauhaus Dessau. "Es gab schon immer eine bunte Mischung unter den Besuchern, also nicht allein Architekten und Professoren mit ihren Studenten, sondern auch Fahrrad-Touristen von der Elbe oder Besucher der Welterbe-Plätze im Wörlitzer Park." Für viele Touristen sei es ein großer Anreiz, eine Reise in die 20er Jahre zu unternehmen und historische Gebäude zu besichtigen, wie die Meisterhäuser, in denen Kandinsky und Klee lebten. "Das zum Jubiläum eröffnete neu eröffnete Bauhaus-Museum, eine Schatzkammer zum Entdecken und Wiederkommen, wird die Besucherzahlen ansteigen lassen", so hofft Dr. Straub.

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Neues Museum mit imposanter Glasfassade

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Nun hat die Bauhaus-Metropole mitten im Stadtzentrum ihr Bauhaus-Museum aufgestellt. Nach knapp drei Jahren Bauzeit und mehr als doppelt so langer Planungszeit ist der schicke Glaskasten am 7. September für 28 Millionen Euro, die Hälfte zahlt der Bund, eröffnet worden. Der lange schwelende Streit über den Standort, in die Mitte von Dessau zu gehen, ist sicher nicht nur für Bauhaus-Fans, sondern besonders im Interesse der Touristen richtig entschieden worden. Das von spanischen Architekten entworfene Museumsgebäude bildet sehr reizvoll eine Verbindung zwischen Stadt und Natur. In der Glasfassade spiegelt sich je nach Lichtverhältnissen die Umgebung, auf der Stadtseite die gegenüberliegenden Gebäude und auf der Parkseite die Bäume. Dennoch erscheint alles offen und transparent.

Ausstellungsbereich als Black Box

Das Herzstück des Museums ist die Black Box im Obergeschoß. Ohne Tageslicht bietet sie auf 1.500 Quadratmetern günstige klimatische Bedingungen für die Präsentation der empfindlichen Sammlungsobjekte. Etwa 100 Meter lang und 18 Meter breit schwebt sie über den Köpfen der Besucher. Der Raum unter diesem eigentlichen Ausstellungsbereich ist die weite Halle, die zwischen Park und Stadt vermitteln soll. Hier sind steil aufsteigende Theatersitze aus Holz aufgestellt, um eine Atmosphäre zum Diskurs und für Veranstaltungen zu erhalten. Tagsüber soll die Halle für das Publikum offen sein, ausgestattet auch mit einem Cafe.

Ronald Keusch für Magazin CHEXX.de

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Mit über 49.000 Objekten hat Dessau die zweitgrößte Sammlung zum Bauhaus weltweit. Der erste Ankauf wurde bereits 1976 in der damaligen DDR getätigt. Er erfolgte im Zuge der Wiedereröffnung des traditionellen Bauhausgebäudes als Wissenschaftlich-Kulturelles Zentrum. Die Geschichte der Sammlung ist nun selbst zum Teil der Ausstellung geworden wie die Kuratorin Regina Bittner erläutert. Darüber und über Geschichten der berühmten Schule und ihrer Studierenden, über den Alltag, über industrielle Prototypen und künstlerische Experimente gibt es in der Ausstellung unendlich viel zu sehen.

Handwerkerschule in der Burg Giebichenstein

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Eine nächste Station, mit der sich Sachsen Anhalt für seine Besucher als Region der Moderne präsentiert, ist die Stadt Halle. Hier übernahm 1915 der Architekt Paul Thiersch die damalige Handwerkerschule Burg Giebichenstein und entwickelte die Burg zur bedeutendsten künstlerischen Ausbildungsstätte neben dem Bauhaus. Die Giebichensteinbrücke mit ihren wohlgeformten Bögen, mit denen sie die Ufer der Saale verbindet sowie den monumentalen Tierplastiken „Kuh und Pferd“ des Künstlers Gerhard Marcks, ist ein einzigartiges Ensemble. Mit der Burg im Hintergrund gehört die Betonbrücke zu den beliebtesten Fotomotiven in Halle.

Kunst der Moderne in Moritzburg

In der Nachbarschaft ist das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) eines der bedeutendsten Museen in Deutschland für die Kunst der Moderne. Die Sammlung präsentiert Kunst im Kaiserreich, in der Weimarer Republik, Kunst im Dritten Reich sowie in der SBZ und DDR. Mit den Bereichen Kunst im Dritten Reich und der der SBZ/DDR geht das Kunstmuseum Moritzburg mutig neue Wege. Ein Höhepunkt für die Touristen ist die am 29. September beginnende Ausstellung "Bauhaus Meister Moderne - Comeback der Meister". An diesem traditionsreichen Ort werden hochkarätige Meisterwerke aus internationalen Sammlungen von Feininger, Kandinsky, Kirschner, Klee, Kokoschka, Nolde gezeigt.

Parkhaus im neuen Stil

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Ein ganz anderes Feld im Stil des Moderne zeigt sich in der 1929 eröffneten Großgarage Süd. Es sei eine "moderne großstädtische Karawanserei", wie die damaligen Zeitungen schrieben. Nach amerikanischen Vorbildern griff der Bauingenieur Walter Tutenberg diese Idee auf und errichtete ein Parkhaus im neuen Stil des Bauens. Über Aufzüge und Schiebetüren erreichen die Fahrzeuge die drei oberen Ebenen mit insgesamt 150 Parkboxen. Glasfassade und -dach ermöglichten eine taghelle Ausleuchtung. Heute noch für 85 Fahrzeuge in Betrieb, fasziniert dieses Kfz-Denkmal auch den Nicht-Autofahrer.

Das Dach der Moderne

Ronald Keusch für Magazin CHEXX.de

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Eine weitere Station der Moderne befindet sich in der Dom- und Hochschulstadt Merseburg. Sie ist eine der ältesten mitteldeutschen Städte, wurde im 10. Jahrhundert zur Königspfalz erhoben und vereint in seinen Stadtmauern alle Baukultur der letzten tausend Jahre. Natürlich ist hier auch der Bauhaus-Stil vertreten. Dafür steht der Name des früheren Stadtbaurats Friedrich Zollinger, der das nach ihm benannte Zollinger-Dach entwickelte. Das Markenzeichen dafür waren seine gewölbten Dächer, die in kargen Zeiten nach dem 1. Weltkrieg materialsparend und preiswert konstruiert werden konnten und dabei auch riesige Spannweiten überbrückten. Unter der Regie des Architekten Zollinger entstanden auch zehn neue Stadtviertel. Ab 1922 kommen erstmals seine patentierten Erfindungen eines typisierten Rauten-Lamellendachs und die Schüttbeton-Bauweise zum Einsatz. Viele Jahrzehnte lassen sich Bauleute und Architekten von der Effizienz, Einfachheit und Ästhetik der Konstruktionen von Zollinger inspirieren. Auch noch heute prägt das typische Bogendach das Stadtbild von Merseburg: Es ist bei mehr als 1.000 Neubauten der Wohnsiedlungen sowie zahlreichen Einzelgebäuden wie dem ehemaligen Arbeits- und Wohlfahrsamt zu finden.

Volksbedarf statt Luxusbedarf

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Es gibt einige weitere eindrucksvolle Beispiele dafür, wie die Bauhaus-Ideen einem auch heute wieder akuten gesellschaftlichen Problem zu Leibe rücken. Industrielle Entwicklungen in den 20er Jahren führten zu Problemen beim Wohnungsbau. Eine Bevölkerungsexplosion verursachte extreme Wohnungsnot und es mussten schnelle Lösungen gefunden werden, ohne in das Elend des vierten Hinterhofs im Zille sein Milljöh zurück zu fallen. Die Bauhaus-Direktoren Walter Gropius und Hannes Meyer gaben die Richtung vor. In der Siedlung Törten in Dessau entstanden von 1926 bis 1928 314 als Eigenheime konzipierte Reihenhäuser mit 57 bis 75 Quadratmeter Wohnflächen. Man konnte preiswert und schnell bauen durch vorgefertigte Bauelemente, kostengünstiges Material und Verzicht auf Dekor.

Ein anderes Beispiel sind ebenfalls in Dessau die Laubenganghäuser. Hier waren in fünf schmalen Backsteingebäuden insgesamt 90 so genannte Volkswohnungen eingerichtet. "Volksbedarf statt Luxusbedarf" lautete das Motto des Schweizer Architekten und zweiten Bauhausdirektor Hannes Meyer, der mit seinen Studenten und anderen Lehrern die Siedlung plante und realisierte. Wie für Reihenhäuser gab es auch für diese Wohnungen funktionelle Mustereinrichtungen, die von den Werkstätten des Bauhauses entworfen und preiswert angeboten wurden. Seit 2017 gehört die Siedlung zum UNESCO-Kulturerbe.

Die Gartenstadt der Werksiedlung Piesteritz

Ronald Keusch für Magazin CHEXX.de

Ein weiteres Symbol der Moderne und für eine Idealstadt steht die Werksiedlung in Piesteritz, heute ein Ortsteil von Lutherstadt Wittenberg. Im Jahr 1915 hatte man hier mit dem Bau eines kriegswichtigen Betriebes zur Stickstoffherstellung begonnen und musste Wohnraum für die Beschäftigten schaffen. Den Auftrag erhielt der Schweizer Architekt Salvisberg, ein Anhänger des neuen Bauens. Es entstand ein Wohnkomplex für etwa 2000 Beschäftigte, orientiert an der Siedlungsform einer Gartenstadt. Dazu gehören 363 Reihenhäuser und einige größere Einfamilienhäuser, in denen Arbeiter und Betriebsleiter gemischt nebeneinander wohnten. Alle Häuser hatten einen kleinen Garten, in dem Bewohner Obst und Gemüse anbauen konnten sowie Toiletten und fest installierte Badewannen, damals geradezu spektakulär. Im ehemaligen Kauf- und Vereinshof ist heute das Hotel "Piesteritzer Hof" untergebracht. Nach einer Sanierung im Jahr 2000 erstrahlt das Symbol der Moderne wieder in "neuem alten Glanz" wie es so schön heißt. Allerdings zeigten ein kleiner Rundgang und Gespräche mit Bewohnern auch die Schattenseiten der heilen Bauwelt im Grünen. Mehreren Eigentümerwechseln der Werkssiedlung folgten Mieterhöhungen und zugleich anwachsende Mängel bei Service und Instandhaltung, was wiederum zu einigem Leerstand führte. Das Gesellschaftssystem lässt sich auch auf dem Wohnungsmarkt der Moderne nicht allzeit überlisten.

Bauhaus attraktiv für Touristen machen

Ronald Keusch für Magazin CHEXX.de

Bisher ist die Werbung für Touristen in Sachsen Anhalt mit dem großen Pfund der Moderne und vieler Spielarten von Bauhaus scheinbar noch in zaghaften Ansätzen stecken geblieben. Zwar gibt es mittlerweile in Halle eine zweistündige Tour, die zu den Wirkungsstätten und insgesamt elf Motiven des berühmten Malers der Moderne Lyonell Feininger führt. Ebenfalls in Halle ist eine Fahrrad-Architektentour durch die Saalestadt aufgelegt, die zur Giebichstein-Brücke und zur Kunst-Hochschule. In Merseburg kann man die Arbeiten des legendären Zollinger per Stadtführer, per Bus und Fahrrad entdecken. Doch insgesamt sind noch viel mehr Angebote für Touristen möglich. Mit der Nähe des weltberühmten Gartenreichs Wörlitzer Parks und seiner charismatischen Fürstenfigur Leopold III. darf die Moderne rund um Bauhaus auf keiner Liste der der Sehenswürdigkeiten für Touristen fehlen. Dr. Florian Strob von der Stiftung Bauhaus Dessau wird sehr oft danach gefragt, was denn das Bleibende des Bauhaus sei. Und seine Antwort lautet: "Was uns heute inspirieren sollte, war der Mut der Bauhaus-Leute in den 20er Jahren, einen eigenen Ausdruck für ihre Zeit zu finden und die Courage, für ihre Ideen einzustehen."

Text und Fotos von Ronald Keusch mit einem Foto von Bauhaus Dessau