ISSN 2701-6757 | Magazin CHEXX am Freitag, den 18. Juni 2021
Urlaub im Durchgangszimmer
Der Peenestrom trennt die Insel Usedom vom Festland. Er ist etwa 20 km lang und verbindet das Stettiner Haff mit der offenen See. Mitten in dieser Erklärung liegt Wolgast, eine stille, alte Schönheit.

Schon im Namen steckt eine Botschaft: Wolgast! Wir wollen den Gast! Diese demonstrative Forderung richtet sich an die durchfahrenden Touristen. Soll heißen: Bleibt doch bitte ein paar Tage in unserer fremdenfreundlichen Stadt. Wir haben eine Menge zu bieten. Usedom schwimmt nicht weg, die Insel ist fest verankert.

Auf vielfache Art und Weise lässt sich die reizvolle Natur um Wolgast erleben. Mit dem Rad, zu Pferde oder zu Fuß. Es wurde viel investiert in die touristische Infrastruktur. Wolgast hat alles, was ein urlaubsreifer Mensch braucht. Ja, auch Meer! Wolgast liegt doch quasi an der Ostsee. Um die kleine Stadt herum hat sich eine wald- und wasserreiche Gegend breit gemacht. Wer will, kann sie mit Kanu oder Kajak erkunden. Er kann aber auch mit Lust und Laune angeln gehen. Fische wie Barsch, Zander, Hecht oder Aal warten nur darauf, dem Angler ein Schnippchen zu schlagen.

Das blaue Wunder

Für die meisten Touristen aber ist Wolgast nur ein Transitort, das nördliche Tor zu Usedom. Das wird bis voraussichtlich 2030 so bleiben. Dann soll die Umgehungsstraße fertig sein, die den Verkehr an der Stadt vorbeiführt. Bis dahin aber wird derjenige, der in Wolgast Quartier nimmt, in einem Durchgangszimmer Urlaub machen.

Aus allen Teilen Deutschlands nähern sich im Sommer Autos der altehrwürdigen Hansestadt. Es wird gehupt, es wird gedrängelt, und während sich das Ende der Autoschlange noch die Bundesstraße 111 entlang windet, steigt an ihrem Kopf Familie Schmidt schon aus dem Auto, um sich die Beine zu vertreten. Voller Vorfreude beobachten sie, mit welcher Kraft und Eleganz sich das Blaue Wunder senkt, um ihnen den Weg zur Insel freizumachen. Usedom, wir kommen!

Mit der Waagbalken-Klappbrücke hat Wolgast ein neues Wahrzeichen bekommen. Das Blaue Wunder, so genannt nach dem markanten Farbanstrich, ist ein mächtiger Senk- und Hebeapparat. Er öffnet je nach Jahreszeit fünf bis sechs Mal am Tag für 15 Minuten seine große Klappe (19,18 m breit und 42 m lang), um Schiffen die Durchfahrt zu gewähren. Die Länge der Brücke beträgt 255,90 m, sie hat eine Fläche von 4.888 m², es wurden 15.109 m³ Beton und 2.289 t Stahl verbaut. Die Fahrbahn befindet sich in einer Höhe von 5,48 m über der Ostsee. Gekostet hat das Wunderding 96,5 Millionen D-Mark. Für dieses Geld würde man heute nicht mal mehr eine Holzbrücke bekommen. Auch die Bauzeit spricht für sich. Rund zwei Jahre (1994-1996) dauerte es, dann wurde das Blaue Wunder, das sich der Architekt Oskar Lehmann hat einfallen lassen, dem Verkehr übergeben.

Die unterkellerte Stadt

Am Abend endlich, wenn die rund 12.000 Transit-Autos die Stadt verlassen haben, wird es gemütlich in Wolgast. Die Einheimischen treffen sich ganz zwanglos am Hafen oder in der Altstadt. Hier gibt es gute Lokale und Restaurants, je dunkler die Nacht, desto voller werden die Kneipen. Und die alten Häuser zeigen unter dem warmen Licht der Straßenlaternen ihre wahre Schönheit.

Mittelpunkt von Wolgast ist der Rathausplatz, der erst nach dem großen Brand von 1713 seine heutige Figur bekam. Zar Peter I. war es, der die Stadt im Großen Nordischen Krieg anzünden und niederbrennen ließ. Ungeachtet aller Bitten der Einwohner. Nur fünf Häuser überstanden den "Roten Hahn".

Darunter war die wuchtig wirkende Pfarrkirche St. Petri, deren älteste Teile aus dem 14. Jahrhundert stammen. Wie eine "Feste Burg" steht sie in der Altstadt. In ihrer Gruft, die man seit einiger Zeit besichtigen kann, lagern die Särge mit den Gebeinen pommerscher Herzöge. Sie erinnern daran, dass die einstige Hansestadt einmal groß und bedeutend war. Fast vier Jahrhunderte lang - von 1295 bis 1625 - war Wolgast Residenzstadt von Pommern-Wolgast. Von hier aus wurde regiert, wurde pommersche Politik betrieben und den in die Ostsee auslaufenden Schiffen der Fürstenzoll abgenommen. Man war reich, man war mächtig, die Herzöge ließen sich eines der schönsten Renaissance-Schlösser Norddeutschlands auf die Schlossinsel bauen. Leider existiert davon nur noch die Erinnerung. Der Bau wurde 1675 von brandenburgischen Truppen zur Ruine geschossen, und 1798 als Steinbruch an die Stadt verkauft.

Was die wenigsten wissen: Wolgast ist unterkellert. Eine zweite Stadt liegt unter dem Pflaster. Kellerräume sind in mächtige Felsbrocken gehauen, verschüttete Tunnel queren die Stadt. Der Legende nach führte sogar ein Weg von der Schlossinsel hinüber ins Stadtzentrum.

Wolgast an der Börse

Auch die Gebäude am Hafen erzählen von der großen Zeit. Ende des 18. Jahrhunderts erlebte Wolgast einen regelrechten Boom, Handel und Industrie entwickelten sich, die Reeder von Wolgast verfügten über eine Flotte von 20 Handelsschiffen. Um 1850 war Wolgaster Getreide sogar an der New Yorker Börse notiert. Aus dieser Zeit stammt der große Getreidespeicher auf der Schlossinsel. Er hat ein Fassungsvermögen von 5.000 t. Wegen des morastigen Untergrunds wurde der Fachwerkbau auf 99 Eichenpfähle gestellt. Die stehen bis heute wie eine EINS.

Ein romantischer Revolutionär

Der größte Sohn der kleinen Stadt Wolgast ist ein Romantiker. Allerdings einer, der die Kunst revolutioniert hat: Philipp Otto Runge, der wohl berühmteste Maler der Romantik neben Caspar David Friedrich. 1777 wurde er in der Kronwieckstraße 45 geboren. Runge zog nach Hamburg, als die Stadt ihm zu klein wurde. Nur gelegentlich kehrte er zurück. Heute ist sein Geburtshaus eine sehenswerte Gedenkstätte. "Ich will mein Leben in einer Reihe Kunstwerke darstellen", schrieb er einem Freund. "Wenn die Sonne sinkt und wenn der Mond die Wolken vergoldet, will ich die fliehenden Geister festhalten." - Leider starb Runge schon mit 33 Jahren. Das ist der Grund, warum er nicht so berühmt wurde wie sein berühmter Kollege Caspar David Friedrich.

Text und Fotos sind von Bernd Siegmund

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