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  • Besser die Glocken nie klingen

    Aus der Mitte Berlins sticht er hervor, der schwarze Glockenturm, nahe dem HKW, direkt neben dem TIPI, in Sichtweite der Redaktion des Magazins CHEXX, der neben einem Stundenschlag jeden Tag um 12 und 18 Uhr für gut sechs Minuten in heftiger ... zum Beitrag

. veröffentlicht unter Umwelt
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Als gäbe es den Klimawandel und das Problem Lärm gefluteter Städte nicht, hat der Einsatz Benzin betriebener sogenannter "Gartengeräte" seit der Jahrtausendwende exorbitant zugenommen. Es braucht nicht einmal Grün vor dem eigenen Refugium, um das Wummern und Heulen der Verbrennungsmotoren schon von weitem zu hören, Großbaustellenlärm gleich. Wer Grün auf Sicht hat, hört den Lärm leidlich oft. Zu oft und teils tagelang. Und meist lauter, als man es jedwedem Auto noch durchgehen lassen würde. Selbst doppelt verglaste Fenster bieten keinen Schutz vor den rücksichtslosen Lärmexzessen. Ob Grünflächenämter, Kanzleramt, Stadtreinigungs- oder Wohnungsunternehmen - sie alle singen im Chor dieser pervertierten "Pflege". Die, die den Einsatz der CO2 und Giftstoffe ausstoßenden Rasentrimmer, Freischneider, Laubpuster und Rasenmäher anordnen, argumentieren gern damit, dass Grünflächen "gepflegt" und "wirtschaftlich betrieben" werden müssen. Doch es werden nicht nur Grünflächen "gepflegt", sondern auch Sand- und Gehwege mit Steinplatten, gar ganze Straßenzüge. Kleine Pflänzchen, die sich in Fugen eingenistet haben und so eine vermeintliche "Ordnung und Sauberkeit" stören, werden - meist unregelmäßig - mit Frei- und Graskantenschneidern, wenn nicht Funken schlagend, so aber stets mit Ohren betäubendem Lärm wie in einem Steinbruch, regelrecht heraus geschliffen. Ein schweißtreibendes und vollkommen absurdes Handeln, denn nach wenigen Tagen sind die ersten Pflanzen wieder da. Um die so geköpften Blumen, Blätter und Grashalme zusammenzutragen, kommen im nächsten Schritt im Rückwärtsgang der Evolutionsgeschichte Laubpuster zum Einsatz. In den allermeisten Fällen mit Verbrennungsmotor bei entsprechender Lärmleistung. Dass dann das tote Grün von links nach rechts mit viel Getöse geblasen, Dreck, Kot und Feinstaub gleich mit hochgewirbelt, der Müll einen Meter daneben aber nicht entfernt wird, ist immer wieder zu beobachten. Denn mehr als den eigenen Zuständigkeitsbereich bearbeitet niemand. Was auch zeigt, wie un- und irrsinnig dieses lärmende Treiben ist.

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Gern redet man sich bei Grünflächenämtern und Wohnungsgesellschaften, bei Stadtreinigungen und sogenannten Gartenbaufirmen den Einsatz von Laubpustern und Laubsaugern schön, indem man behauptet, man würde sonst den Massen von Laub nicht Herr werden. Auch eine ominöse "Rutschgefahr" durch nasses Laub wird ständig angeführt, selbst im trockenen Hochsommer. Gar "schimmelnden Rasen" hat man inzwischen als vermeintliches Argument für den Einsatz der Lärmbläser erfunden. Auf so etwas kann nur kommen, wer ständig Pilzsporen hochwirbelt. Tatsache ist, dass die klimaschädlichen Lärmgeräte, die laut BUND 200 Mal so viel unverbrannte Kohlenwasserstoffe wie ein PKW mit geregeltem Katalysator ausstoßen, inzwischen an 365 Tagen benutzt werden, Besen ersetzend, überall, für alles und nicht nur für ein paar Blätter. Zeitliche Regelungen zudem stets missachtend. Andere sind nicht besser. So verwendet man im Biergarten eines Restaurants mit Sicht auf das Bundeskanzleramt Laubpuster zum Fegen und nicht etwa einen Rechen, um den Kieselsteinboden zu reinigen. Zudem posierte der kahlköpfige Biergartenleiter auch noch mit gleich zwei Dreckbläsern links und rechts in den Händen wie ein waffenstarrender Rambo und postete dieses Foto stolz in den sozialen Medien. Wohl bekommt´s, der seinem Appetit dort Tribut zollt.

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Dass der Hubschrauberlandeplatz der Kanzlerin mit einem Laubpuster im Winter sogar schon von Schnee befreit wurde, was ein, zwei Flügelschläge des Hubschraubers in Sekunden erledigt hätten, lässt sich vielleicht noch damit entschuldigen, dass Kälte bei manchem Zeitgenossen das Denkvermögen nicht so recht bereichern will. Eine sinnvolle Erklärung, Büsche von auf dem Boden liegendem Laub zu befreien, also von für die Pflanzenwelt wichtigem Humus, gibt es nicht. Zwar ist das exzessive, regelmäßige Benutzen von Lärmgeräten im Kanzlerpark nach Anwohnerbeschwerden durch den Chef des Kanzleramts und früheren Bundesumweltminister Peter Altmaier zumindest etwas eingeschränkt worden. Doch mit einem gut 40.000 € teuren Diesel saufenden Rasenmäher, der nicht mal leise kann und drei Tage die Arbeitswoche laut wummernd Anwohner nervend einen Rasen mäht, der und den niemand nutzt, erzeugt man keine Glaubwürdigkeit in Sachen Lärm-, Klima- und Umweltschutz. Der Irrsinn mit den Lärmgeräten ist schlicht überall. Nicht nur am Reichstag, sondern ebenfalls auf dem riesigen Dach des staatlich geförderten Hauses der Kulturen konnte man schon das Fegen mit einem Laubpuster nicht nur beobachten, sondern vor allem stundenlang hören. Wie ein Sattelrasenmäher mit Verbrennungsmotor Düngekügelchen auf einem Rasen verstreute und diese sogleich im Hinterhergehen mit einem lärmenden ebenfalls CO2 ausstoßenden Laubpuster nachgeblasen wurden, konnte man sehen vor dem Schloss Bellevue. Vermutlich, um den Dünger besser zu verteilen, so dass der Rasen perfekt aussieht für die kurz danach stattfindende - und das ist kein Scherz - "Woche der Umwelt".

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Wer sich die oftmals unfreiwillige Mühe macht, das Tun dieser Lärmtäter zu beobachten, die Treibstoff hungrige Graskantenschneider, Laubpuster und Rasenmäher verwenden, kommt aus dem Kopfschütteln meist nicht mehr heraus. Selbst abseitige ungenutzte Freiflächen oder vertrockneter Rasen werden mit lauten, stinkenden Motorrasenmähern stundenlang befahren und gemäht. Meist, nicht weil es Sinn macht, sondern weil es in irgendwelche Pläne genau so eingetragen wurde. Dann aber einhergehend mit einer Nachbehandlung mit noch lauteren Graskantenschneidern und Laubpustern, die durchaus mehr als 100 Dezibel erzeugen. Bestenfalls ohne ein ständiges äußerst nervendes An- und Abschalten. So wird Grün, so werden Parks und Gärten, die für Erholung und Gesundheit gedacht sind, durch krankmachendem Lärm zum Gesundheitsrisiko. Bei 40 Dezibel liegt die Konzentrationsstörungsschwelle, ab 65 Dezibel erhöht sich das Risiko einer Herz- und Kreislauferkrankung.

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Auch sogenannte "geschützte Grünflächen" erfahren ihre "Landschaftspflege" durch Rasenmäher, wie etwa vom Grünflächenamt Berlin Mitte, die mit laut dröhnenden Dieselmotoren Wiesen befahren, auf denen weder Kinder spielen noch Hunde herumtollen dürfen. Einhergehend mit einer Nachbehandlung um Stämme von Bäumen durch lärmende Graskantenschneider. Im Grünanlagengesetz aus dem Jahr 1997 heißt es, dass es verboten ist, Lärm zu verursachen, der andere (Anlagenbesucher) unzumutbar stört. Es ist also ein ad absurdum geführtes Gesetz, an welches man sich nicht hält. Ebenso wie an die geradezu lächerliche Geräte- und Maschinenlärmschutzverordnung, die sogenannte "32. BImSchV" aus dem Jahr 2002, die allenfalls kurzzeitig Beachtung findet, wenn Beschwerden von Anwohnern zu heftig werden. Eine Verordnung, die eine Lärmdauer, nicht aber eine Lärmstärke beschreibt und bei deren Ausarbeitung noch Besen, Harke und Rechen dominierten, taugt kaum, dem asozialen Lärmtreiben der Umweltverächter Einhalt zu gebieten.

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Wen es zum Grün zieht, will Erholung, will Natur und keinen Lärm. Es ist nicht "wirtschaftlich", Wiesen, die niemand nutzt, ständig zu mähen. Ein Rasen ist nicht dazu da, damit er ständig lärmend kurz geschnitten wird. Welchen Sinn macht es, Grasbüschel um Bäume herum mit einem Graskantenschneider zu entfernen und dabei einen Lärmpegel zu erzeugen, der für jede Autowerkstatt die sofortige Schließung bedeuten würde? Wie ausgeschaltet muss ein Gehirn sein, um mit einem an eine Kreissäge erinnerndes Lärmgerät Pflanzen an den Stengel zu rücken? Die Regelung der deutschen Berufsgenossenschaften, dass sich außer dem Gerätenutzer niemand im Umkreis von 15 Metern wegen der vom Lärmgerät herumgeschleuderten Steinchen und einer damit ausgehenden Gefahr aufhalten darf, werden auch hier stets missachtet. Es ist weder "Reinigung" noch "Pflege", ganze Straßenzüge tagelang zum Schrecken von Anwohnern, in schwerer Kampfmontur mit Helm, Schutzbrille und Ohrenschützer, mit einem Trommelfeuer an Motorenlärm durch Freischneider und Laubpuster zu belegen, nur weil sich ein paar Pflanzen niedergelassen haben. So entblößen sich Bekundungen dieser Lärmmacher zu Nachhaltigkeit, Klima- und Umweltschutz zur ausgemachten, dreisten Lüge. Zumal mit gleichem körperlichen Energieeinsatz und wesentlich wirtschaftlicher sich dasselbe Tun mit Harke, Hacke und Besen bewerkstelligen ließe - leichter, leiser, ohne Lärm und ohne diese unglaubliche Verachtung Natur und Umwelt gegenüber.

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Folgerichtig wäre es, die Verantwortlichen stets mit Beschwerden zu belegen, denen entglitten ist, was sie eigentlich treiben - regelmäßig und ebenso intensiv wie ihr Lärmen. Die Benutzung dieser Klima, Umwelt, Natur und nicht zuletzt den Menschen schädigenden Rasentrimmer, Graskantenschneider und Laubpuster mit Verbrennungsmotor hat sich in den letzten zwanzig Jahren extrem vervielfacht, einer Seuche gleich. Ein Umdenken hin zu einer umsichtigen Pflege, die diesen Namen verdient und einen respektvollen Umgang mit Natur und Umwelt einschließt, mit leisen elektrobetriebenen Geräten, ist dringend nötig. Vor allem aber ein Verbot der asozialen Lärmgeräte mit Verbrennungsmotoren.

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Marc Vorwerk
Marc Vorwerk ist einer der Hauptstadtfotografen in Berlin und stets ganz nah am Geschehen.
An dieser Stelle gibt es ab sofort im regelmäßigen Wechsel sein bestes Foto der Woche - exklusiv bei CHEXX.