Magazin CHEXX am Dienstag, den 15. Oktober 2019
Franz Fühmanns "Das Judenauto"
Der Schriftsteller Franz Fühmann lebte von 1922 bis 1984. Er verstarb in Ostberlin. In der ehemaligen DDR gehörte er zu den meistgelesenen Autoren, auch außerhalb seiner Heimat war er bekannt. Sein Leben kann man als ambivalent bezeichnen. Er war nach dem Zweiten Weltkrieg ein Anhänger des Sozialismus. Im Laufe der Zeit nahm Fühmann eine kritischere Haltung zur DDR-Führung ein. Zahlreiche Auszeichnungen markierten seinen Lebensweg. Er wurde unter anderem mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Bronze 1955 ausgezeichnet. Ein Jahr später ehrte man ihn mit dem Heinrich-Mann-Preis. Den Nationalpreis der DDR erhielt er sowohl 1957 als auch 1974. Im Jahre 1977 gab es für ihn den Deutschen Kritikerpreis, 1982 den Geschwister-Scholl-Preis. 1976 protestierte er gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR. Seine Gedichte erschienen bereits in loser Folge in einer Sonntagszeitung in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Von ihm stammen beispielsweise das 1953 erschiene Werk "Die Fahrt nach Stalingrad" und 1959 "Vom Moritz, der kein Schmutzkind mehr sein wollte."

1962 erschien erstmals das Werk "Das Judenauto." Der Hinstorff-Verlag aus Rostock hat es im Mai 2019 als erste Auflage der Neuausgabe herausgebracht. "Das Judenauto" sollte zum erfolgreichsten Werk von Franz Fühmann werden. In 14 Kapiteln widmet sich der Autor Ereignissen, in denen sich die Brüche und Abgründe in der deutschen und damit europäischen Geschichte der Jahre 1929 bis 1949 widerspiegeln. Weltwirtschaftskrise, Beginn des Zweiten Weltkriegs, der Überfall auf die Sowjetunion, das Attentat auf Hitler, Kapitulation, Nürnberger Prozess und die Gründung der DDR. "Reportagen durch die Zeit" nannte Fühmann seine Erzählungen. "Ziel war es, eine Figur von unten zu zeigen, wie sieht sie sogenannte historische Ereignisse? Wie schaut es zum Beispiel im Alltag aus, wenn ein Weltkrieg ausbricht?", erklärte einst der Schriftsteller die Motivation zu seinem Werk.

Der Autor macht es nachvollziehbar, wie aus einem Vorurteil ein Gerücht, aus einem Gerücht Hass, aus Hass völlige Verblendung wird. Es ist Sommer 1931 und eine dritte Volksschulklasse wartet auf den Beginn des Unterrichts. Schülerin Gudrun betritt die Klasse und berichtet von einem "gelben Judenauto". Grausame Leute müssen darinsitzen! Es sind vier schwarzhaarige Juden mit langen blutigen Messern. Vom Trittbrett des Fahrzeugs sah man tropfendes Blut. Die vier Juden jagen kleine Mädchen. In zwei Nachbargemeinden haben die verbrecherischen Juden schon vier Mädchen geschnappt und sie an den Füßen aufgehängt. Die armen, wehrlosen Mädchen wurden regelrecht geschlachtet. Aus ihrem Blut wollen die Juden Brot backen. Alle Mitschüler vertrauen der Aussage ihrer Klassenkameradin Gudrun. Sie hat aber das angebliche gelbe Judenauto in Wirklichkeit gar nicht gesehen. Ein beklemmend aktuelles Buch. 35 Jahre nun ist Franz Fühmann schon tot. Hatte er geahnt, dass sein Werk noch einmal, nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg mit 60 Millionen Toten, darunter sechs Millionen von den Nazis ermordeten Juden, Kommunisten, Homosexuellen, Gewerkschaftsführern und christlichen Widerstandskämpfern, an Tagesaktualität gewinnen wird? Dem Hinstorff-Verlag aus Rostock ist aus zweierlei Gründen zu danken. Erstens: Ein brandaktuelles Thema, obwohl erstmals bereits 1962 veröffentlicht, liegt in einer Neuauflage wieder vor; und zweitens: Franz Fühmann ist ein viel zu begnadeter Autor gewesen, als dass er heute nur noch wenigen Literaturliebhabern bekannt sein darf. Durch die Neuauflage seines Buches "Das Judenauto" wird Franz Fühmann einem breiten Publikum wieder ins Gedächtnis gerufen. Das Werk umfasst 224 Seiten. Das im Hinstorff-Verlag aus Rostock erschiene Werk kostet im deutschen Buchhandel 18 Euro.