A+ A A-

. veröffentlicht unter Umwelt
Sören Lucan
Sportwissenschaftler Sören Lucan arbeitet in Berlin als Betrieblicher Gesundheitsberater und Sporttherapeut. Für CHEXX hat er Mythen zum Rücken zusammengetragen. "Gerade Sitzen ist gesünder". "Rundes Bücken ist schädlich" Viele dieser Rückentipps sind mittlerweile überholt. Hier ein paar aktuelle Erkenntnisse der "Neuen Rückenschule" (2007), die so manchen Rückenmythos entzaubern:

1. Mythos: Vorsicht vor falschen Bewegungen
Jede Bewegung ist prinzipiell richtig. Die Wirbelsäule und die Bandscheiben brauchen Bewegungsvielfalt für ihre "Ernährung" (auch runden Rücken, Drehung, Hohlkreuz). Nur einseitige Belastungen sind ungünstig (zum Beispiel dauerhaftes rundes Sitzen oder Dauerbücken).

2. Mythos: Rückengerechter Sport
Jede Sportart ist prinzipiell nur so gesund, wie sie ausgeübt wird. Wenn man die Technik beherrscht, die Belastung langsam aufbaut und seinen Ehrgeiz im Griff hat, kann man prinzipiell jede Sportart mit unspezifischen Rückenschmerzen betreiben. Basis für alle Sportarten ist eine gesunde Fitness.

3. Mythos: Schmerzursache = Wirbelsäule
Jeder Mensch ab 30 Jahren hat Degenerationen an der Wirbelsäule, das ist primär genetisch. Aber die Ursachen für die Rückenepidemie sind primär Bewegungsmangel und Stress. Deswegen helfen Krafttraining (= Muskelaufbau) und Entspannungstraining (= Stressprophylaxe) bei unspezifischen Schmerzen am besten. Bei körperlichen Berufen und Sportlern ist unter anderem Über- oder Fehlbelastung die Ursache (Lösung: bessere Bewegungstechniken zum Beispiel richtiges Heben, aber auch bessere Grundfitness!).

4. Mythos: Bandscheibe
Über 85 % der Rückenschmerzen sind unspezifisch, das heißt, es liegt kein medizinisch relevanter Befund der Wirbelsäule vor. Spezifisch ist zum Beispiel ein Bandscheibenvorfall (BSV) nur, wenn er auf einen Nerv drückt (= Ausstrahlungen in Bein oder Arm; Taubheit etc.). Ansonsten ist er relativ harmlos. 30 % der Deutschen haben einen BSV, aber keinen Schmerz.

5. Mythos: Rein körperliche Sichtweise
In großen Studien wurde nachgewiesen, dass die psychologischen Faktoren bis zu 50 % des Schmerzes ausmachen können (Stress= Anspannung= Schmerz). Ein Hexenschuss kann zum Beispiel unter anderem nur durch Stress verursacht werden. Am wenigsten Rückenschmerzen hatten die Menschen, die relativ zufrieden waren mit Arbeit und Familie.

6. Mythos: Schmerz = Schonung
Längere Schonung und Vermeidung von Bewegungen und Aktivitäten führen zu Muskelverkürzung und Muskelabbau, was dann zur Instabilität der Wirbelsäule führt (gerade wenn man den runden Rücken vermeidet= Abbau der Lendenmuskulatur). Ausnahme: Akute Schmerzen (sehr stark) = Kurzzeitige Schonung (1 - 2 Tage).

7. Mythos: Nur Training ohne Schmerzen
Auch ein gesundes Training führt zu "Schmerzen". Ein Muskelbrennen (= Übersäuerung) während des Krafttrainings ist für den Effekt unverzichtbar. Außerdem kommt es anfangs häufig zu Anpassungsschmerzen ("Kater") von Muskeln, Sehnen, Gelenken etc. (ca. 24 - 36 Stunden später).

Quellen: Verband der Deutschen Rückenschulen: Neue Rückenschule (2007), Das Manual:Göttinger-Rücken-Intensiv-Programm, Schmerzambulanz Uni Göttingen (2003)

Anzeige